Langzeitverlauf der benignen Multiplen Sklerose über drei Jahrzehnte

Eine 30-Jahres-Analyse untersuchte den Verlauf der benignen Multiplen Sklerose und zeigt eine stabile körperliche Funktion. Die Langzeitdaten von fast 500 Patienten aus Barcelona zeigen jedoch eine hohe Rate kognitiver Einschränkungen bei Patienten mit benigner MS.

Nervenschäden-MS

Einordnung der benignen Multiplen Sklerose in das Krankheitsspektrum

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit stark variablen Verlaufsformen. Während viele Patienten bereits innerhalb der ersten zehn Jahre eine deutliche Behinderungsprogression entwickeln, zeigt ein Teil der Betroffenen eine „benigne“ Verlaufsform: Diese wird überwiegend definiert als Verlaufsform, bei der ≥ 10 Jahre nach Krankheitsbeginn ein Expanded Disability Status Scale-(EDSS)-Wert von 3,0 oder weniger vorliegt.

Die klinische Relevanz dieses Konzepts wird zunehmend hinterfragt, da der EDSS zwar motorische Einschränkungen gut abbildet, jedoch zentrale Symptome wie Fatigue oder kognitive Defizite unzureichend erfasst. Vor diesem Hintergrund besteht ein hoher Bedarf an belastbaren Langzeitdaten, die sowohl die körperliche Funktion als auch neuropsychologische Aspekte berücksichtigen.

Studie untersucht benigne MS unter Berücksichtigung neuropsychologischer Aspekte

Die vorliegende Studie widmet sich einer bislang selten adressierten Frage: Bleiben Patienten mit benignem Verlauf auch nach 20 bzw. 30 Jahren klinisch stabil? Darüber hinaus wird untersucht, ob frühe klinische, radiologische oder demografische Parameter eine langfristige Prognose erlauben.

Besonders relevant ist der Vergleich zwischen stabil benignen Verläufen und solchen, die im weiteren Verlauf in eine deutliche Behinderung übergehen. Zudem schließt die Studie eine zentrale Lücke: die systematische Erfassung von Fatigue, Depression und kognitiver Leistungsfähigkeit nach drei Jahrzehnten Erkrankungsdauer.

Untersuchung von fast 500 MS-Patienten aus Spanien

Die Auswertung basiert auf Daten von 485 MS-Patienten eines universitären Zentrums in Barcelona, die seit 1996 prospektiv dokumentiert wurden. 82 Personen erfüllten zu diesem Zeitpunkt die Kriterien einer benignen MS.

Nachuntersuchungen erfolgten nach 20 und 30 Jahren. Zusätzlich wurden neuropsychologische Tests (MFIS [Modified Fatigue Impact Scale], PHQ-9 [Patient Health Questionnaire], SDMT [Symbol Digit Modalities Test]) bei den nach 30 Jahren weiterhin benignen Betroffenen erhoben. Zum Vergleich diente eine alters- und geschlechtsangepasste Kontrollgruppe mit kürzerer Krankheitsdauer. 

Verlauf der körperlichen Behinderung über 20 und 30 Jahre

Die Ergebnisse zeigen eine bemerkenswerte Stabilität der körperlichen Funktionen:

  • Nach 20 Jahren erfüllten 75 % der ursprünglich benignen Gruppe weiterhin den EDSS-Grenzwert ≤ 3.
  • Nach 30 Jahren lag dieser Anteil noch bei 60 %.

Damit bestätigt die Studie, dass der milde Verlauf bei einem erheblichen Teil der Betroffenen über Jahrzehnte erhalten bleibt. Die Ergebnisse decken sich teilweise mit früheren Untersuchungen, erweitern das Wissen jedoch aufgrund des außergewöhnlich langen Beobachtungszeitraums.

Kognitive Beeinträchtigung bei vielen Patienten mit benigner MS

Trotz niedriger EDSS-Werte zeigte sich eine hohe Belastung durch nicht-motorische Symptome:

  • Fatigue betraf 50 % der untersuchten Patienten.
  • Depressive Symptome lagen bei 22 % vor.
  • Besonders auffällig war die kognitive Beeinträchtigung: 83 % erreichten im SDMT Werte ≤ 49, was auf eine kognitive Beeinträchtigung hinweist.

Im Vergleich zur alters- und geschlechtsangepassten Kontrollgruppe zeigte sich ein signifikanter Unterschied im mittleren SDMT-Wert, was auf eine klar höhere kognitive Belastung bei langer Krankheitsdauer verweist. 

Analyse möglicher prognostischer Faktoren

Trotz umfangreicher Datenauswertung konnten keine belastbaren frühen Prädiktoren eines dauerhaft benignen Verlaufs identifiziert werden. Weder frühe Schubaktivität, Art der Erstsymptome noch initiale MRT-Muster nach Barkhof waren prognostisch wegweisend. Die einzige signifikante Assoziation war ein häufigerer Einsatz immunmodulatorischer Therapien in der später nicht-benignen Gruppe. 

Kognition im Langzeitverlauf benigner MS stärker berücksichtigen

Die Daten der Studie zeigen: Auch nach 30 Jahren behält ein Großteil der Betroffenen einen milden körperlichen Verlauf. Gleichzeitig weisen viele Patienten relevante kognitive Einschränkungen auf, die durch den EDSS nicht erfasst werden. Eine umfassendere Diagnostik über die motorischen Parameter hinaus ist essenziell, um die tatsächliche Krankheitslast abzubilden und die Patienten angemessen zu therapieren.

Autor:
Stand:
01.12.2025
Quelle:

Matas et al. (2025): Benign multiple sclerosis and long-term outcomes after 30 years. Journal of Neurology, DOI: https://doi.org/10.1007/s00415-025-13402-8 

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