Prädiktiver Biomarker für die Glatirameracetat-Therapie bei Multipler Sklerose

Die Personalisierung der MS-Therapie bleibt eine Herausforderung. Eine aktuelle Studie identifiziert HLA-A*03:01 als genetischen Marker, der den Therapieerfolg mit Glatirameracetat vorhersagen kann – ein Schritt hin zu präziseren Behandlungsentscheidungen.

Neurodegenerative Erkrankungen

Fehlen prädiktiver Biomarker erschwert MS-Therapie

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die insbesondere bei jungen Erwachsenen auftritt. Trotz zahlreicher neuer Immuntherapien zählen Interferon-beta (IFN) und Glatirameracetat (GA) weiterhin zu den etablierten Basistherapien, insbesondere aufgrund ihres günstigen Sicherheitsprofils.

Ein zentrales Problem der klinischen Praxis bleibt das Fehlen valider prädiktiver Biomarker: Ob ein Patient auf GA oder IFN anspricht, zeigt sich oft erst nach Monaten – eine Verzögerung, die das Risiko irreversibler Behinderungsprogression birgt.

Können HLA-Allele Therapieerfolg mit Glatirameracetat vorhersagen?

Während frühere Untersuchungen eine mögliche Rolle des Risikofaktors HLA (humanes Leukozyten-Antigen)-DRB1*15:01 nahelegten, fehlte bislang ein klarer genetischer Prädiktor für den Therapieerfolg von GA. Ziel der aktuellen Studie war es, durch T-Zell-Rezeptor-Sequenzierungen und die Analyse mehrerer internationaler Kohorten zu prüfen, ob bestimmte HLA-Allele mit einem besseren Ansprechen auf GA verbunden sind.

Analyse von mehr als 3.000 MS-Patienten aus internationalen Kohorten

Die retrospektive Analyse umfasste über 3.000 Patienten (davon 628 mit Glatirameracetat vorbehandelt) mit MS aus fünf großen Kohorten aus den USA, Frankreich und Deutschland, darunter die deutsche NationMS-Kohorte des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS). Mittels Hochdurchsatzsequenzierung der T-Zellrezeptor-Beta-Ketten wurden GA-assoziierte T-Zell-Expansionsmuster untersucht und deren Beziehung zu HLA-Allelen analysiert. Anschließend erfolgte ein Vergleich klinischer Endpunkte – wie Schubrate, EDSS (Expanded Disability Status Scale)-Verlauf und MRT-Läsionen – zwischen Trägern und Nichtträgern spezifischer HLA-Allele.

Signifikanter klinischer Vorteil bei HLA-A*03:01-Trägern

Die zentralen Ergebnisse der Analyse zeigen:

  •     Genetische Assoziation: GA-induzierte T-Zell-Expansionsmuster traten konsistent bei Trägern von HLA-A*03:01 und HLA-DRB1*15:01 auf.
  •     Klinischer Nutzen: Nur HLA-A*03:01 war mit einem signifikanten klinischen Vorteil assoziiert:
        
        o    Reduktion des Schubrisikos gegenüber IFN um 33–34 %.
        o    Verlängerte Zeit bis zum ersten Schub mit einer Risikoreduktion um 63 %.
        o    Günstigere EDSS-Entwicklung und geringere Läsionslast in MRT-Analysen.

Für HLA-DRB1*15:01 konnte kein eigenständiger Therapieeffekt nachgewiesen werden; der zuvor beschriebene Zusammenhang erklärt sich wahrscheinlich durch Kopplung mit HLA-A*03:01.

Biomarker hilft bei Entscheidung zwischen Glatirameracetat und Interferon

„Unsere Studie zeigt zum ersten Mal, dass ein genetischer Marker mit dem Behandlungserfolg eines MS-Medikaments verknüpft ist“, erklärt Studienleiter Prof. Nicholas Schwab von der Universität Münster. „Damit lässt sich vor Therapiebeginn vorhersagen, ob Glatirameracetat oder Interferon die wahrscheinlich bessere Wahl ist“, so Schwab in einer Meldung.

Die Ergebnisse der Studie legen damit nahe, dass ein genetisches Screening auf HLA-A*03:01 vor Beginn einer Basistherapie sinnvoll sein könnte. Etwa ein Drittel der europäischen MS-Patienten trägt dieses Allel und könnte gezielt von GA profitieren. Für diese Subgruppe scheint GA nicht nur besser wirksam als IFN, sondern möglicherweise in ihrer Wirksamkeit mit moderaten Eskalationstherapien vergleichbar – bei gleichzeitig gutem Sicherheitsprofil.

 

Autor:
Stand:
01.09.2025
Quelle:

Zhang et al. (2025): HLA-A*03:01 as predictive genetic biomarker for glatiramer acetate treatment response in multiple sclerosis: a retrospective cohort analysis. eBioMedicine, DOI:10.1016/j.ebiom.2025.105873

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