Synchronität der Mutter-Kind-Dyade
Die dynamische, koordinierte und reziproke Adaptation des Verhaltens von Mutter und Kind wird als Synchronität bezeichnet. Die Ausprägung der Synchronität wird häufig anhand beobachtbarer Variablen des Mikroverhaltens wie gematchte affektive Blicke, vokale Äußerungen oder Gesichtsausdrücke festgestellt. Sie ist von großer Bedeutung für die dyadische Bindung und die Regulation von Emotionen und Verhalten in bestimmten Kontexten. Eine Mutter-Kind-Synchronität konnte mit einer besseren Selbst-Regulation des Kindes in Verbindung gebracht werden, wohingegen ein Mangel an Synchronität mit prolongierter dyadischer Desorganisation, Verhaltens- und Temperamentsproblemen assoziiert wurde [1,2].
Borderline-Persönlichkeitsstörungen bei Müttern
Es ist bereits bekannt, dass Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS) der Mutter Interaktionen mit dem Kind stören können. Doch das Konzept von Synchronität und regulativem Verhalten als Reaktion auf Disstress wurde bei Müttern mit BPS und ihren Kindern bislang nicht untersucht. Dabei könnte die Mikrocodierung verbaler und nicht-verbaler Verhalten im zeitlichen Kontext eine dynamischere Perspektive auf die Eltern-Kind-Interaktion in Echtzeit und eventuell auch Ansätze zur Unterstützung von Müttern mit BPS bieten, um die Interaktion mit ihren Kindern zu verbessern.
Wissenschaftler um die Erstautorin Dr. med. Isabella Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin der AG Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Heidelberg, haben nun erstmals die dyadische Synchronität von Müttern mit BPS und ihren Kleinkindern auf einem Mikro-Level untersucht und diese mit dem Makroverhalten der Dyaden in Relation gebracht [3].
Toy-Removal-Paradigma
Für die Studie wurden Mütter mit und ohne BPS mit Kleinkindern im Alter von 18-36 Monaten rekrutiert. Jede Mutter-Kind-Dyade machte bei dem sogenannten „Toy Removal (TR) Paradigma“ mit, das in vorangegangen Studien bereits genutzt worden war, um bei Kleinkindern Frustration und Wut auszulösen. Die Mütter wurden angewiesen sich während des Paradigmas so zu verhalten, wie sie es normalerweise auch tun würden.
Beim Paradigma saßen Mutter und Kind einander gegenüber an einem Tisch. Das Kind erhielt von der Mutter ein attraktives Spielzeug und durfte damit 1 Minute spielen (preTR). Nach einem Tonsignal nahm ihm die Mutter das Spielzeug weg und legte es in Sicht - aber außerhalb der Reichweite des Kindes für 2 Minuten ab (TR). Anschließend gab die Mutter dem Kind das Spielzeug zurück und es durfte 2 Minuten mit ihm spielen (postTR).
Mikrocodierung und Auswertung
Die Interaktionen von Mutter und Kind wurden gefilmt und anschließend mithilfe spezieller Software mikrocodiert. Die Variablen Blick, Affekt, und Vokalisation wurden dabei für Mutter und Kind separat codiert. Synchronität wurde definiert als der prozentuale Anteil der Zeit, in der Mutter und Kind einander mit positivem Affekt ansahen. Regulative Verhaltensweisen, zum Beispiel Selbstregulation des Kindes und die mütterliche Co-Regulation wurden ebenfalls codiert. Zur Erfassung der negativen Emotionalität des Kindes wurde ein Score aus der Frequenz von Protest, negativem Affekt und negativer Vokalisation gebildet.
Weniger Synchronität bei BPS-Dyaden
An der Studie nahmen 25 Mütter mit BPS sowie 29 gesunde Mütter und ihre Kleinkindern teil. Dyaden, in der die Mutter unter BPS litt, zeigten im Vergleich mit Dyaden ohne BPS signifikant weniger Synchronität. Eine geringe Synchronität war mit einer schweren BPS-Symptomatik assoziiert. Obwohl beide Gruppen ein ähnliches Ausmaß von regulativem Verhalten zeigten, waren die Bemühungen der Mütter mit BPS weniger erfolgreich dabei, wieder eine Synchronität in der Dyade herzustellen. Die BPS-Symptomatik reduziert möglicherweise die Effektivität der mütterlichen Versuche, sich auf die die Bedürfnisse ihres Kindes einzustimmen. Eine geringere Regulation während Frustrationsphase war ein Prädiktor für Externalisierungsprobleme bei Kindern in den BPS-Dyaden.
Synchronität in Eltern-Programme aufnehmen
Die Studienergebnisse entsprachen den Erwartungen der Autoren. Angesichts der Limitationen der Studie, wie der geringen Teilnehmerzahl, sind jedoch größere Studien erforderlich, um die Ergebnisse zu bestätigen. Die Autoren plädieren dafür Synchronität und regulative Verhaltensweisen als Schwerpunkte in Programme für Mütter mit BPS aufzunehmen.




