Borna-Virus beim Menschen: Neuropathologie, Pathomechanismus und Übertragung

Das Borna-Disease-Virus 1 verursacht eine schwere, oft letale Enzephalitis beim Menschen. Bislang ist wenig zu Übertragungswegen und pathogenetischen Mechanismen bekannt. Eine Übersichtsarbeit fasst den aktuellen Wissensstand zusammen und identifiziert Forschungslücken.

Virusinfektion Gehirn

Das Borna-Disease-Virus-1 als Emerging Disease

Das Borna-Disease-Virus 1 (BoDV-1) ist ein hoch neurotropes Virus, das seit zwei Jahrhunderten als Erreger einer nicht-eitrigen Enzephalitis bei Pferden und Schafen bekannt ist. Seit 2018 ist auch die Infektion des Menschen mit letaler Enzephalitis nachgewiesen. Die genaue Übertragungsweise und Pathogenese sind jedoch noch nicht vollständig verstanden. Die vorliegende systematische Übersichtsarbeit beleuchtet aktuelle Erkenntnisse zur Transmission, den neuropathologischen Veränderungen und dem immunologischen Verhalten des Virus.

Epidemiologie und Übertragung des Borna-Virus

Das BoDV-1 ist ein zoonotisches Virus mit einem natürlichen Reservoir in der Feldspitzmaus (Crocidura leucodon). Der Hauptübertragungsweg auf den Menschen bleibt unklar, da ein direkter Kontakt mit infizierten Tieren selten nachweisbar ist. Eine olfaktorische Übertragung ist vermutlich bei sporadisch infizierten Endwirten bedeutsam. Die Autoren des Reviews um Erstautorin Nicola Jungbäck von der Universität Augsburg empfehlen alternative Übertragungswege, beispielsweise über die Mundhöhle und gustatorische Nervenbahnen, in weiteren Studien zu untersuchen. Experimentelle Studien deuten auf eine zentripetale intraaxonale Ausbreitung zum ZNS, wobei die Entfernung von der Inokulationsstelle den Krankheitsbeginn bestimmt.

Menschen in ländlichen Gebieten stärker gefährdet

Studien zeigen, dass Menschen in ländlichen, endemischen Gebieten mit hoher Spitzmausdichte ein erhöhtes Risiko für eine Infektion haben. Eine mögliche Transmission erfolgt durch Umweltkontamination, hier gibt es bislang aber noch große Forschungslücken.

Pathomechanismus des Borna-Virus: Neurotropismus und immunologische Reaktion

Das BoDV-1 zeigt einen hohen Neurotropismus, wobei die olfaktorische Bahn als primäre Eintrittspforte gilt. Eine besondere Affinität des Virus zu limbischen Strukturen wie dem Hippocampus konnte nachgewiesen werden. Während Reservoirwirte keine entzündlichen Reaktionen zeigen, ist die Infektion bei Menschen durch eine schwere lymphozytäre Panenzephalitis mit ausgeprägter Mikroglia-Aktivierung gekennzeichnet. Die Gewebszerstörung scheint T-Zell-vermittelt. Der genaue Mechanismus, der zur starken Immunantwort führt, bleibt Gegenstand aktueller Forschung.

Neuropathologische Merkmale: Vergleich zwischen Tieren und Menschen

Die histopathologischen Veränderungen bei humaner BoDV-1-Infektion zeigen eine nicht-eitrige Meningoenzephalitis mit Mikroglia-Noduli und lymphozytären Infiltraten, insbesondere in den Basalganglien, dem Hippocampus und dem Hirnstamm. In Experimenten mit Ratten wurde eine intra-axonal zentripetale Virusausbreitung nachgewiesen. Eine Beteiligung des peripheren Nervensystems wurde bislang nur in vereinzelten Fällen beim Menschen nachgewiesen.

Klinische Manifestation des Borna-Virus und therapeutische Herausforderungen

Die BoDV-1-Enzephalitis präsentiert sich initial mit unspezifischen, grippeähnlichen Symptomen. Es folgen erste neurologische Symptome, etwa Halluzinationen, Nystagmus oder Ataxie. Im Endstadium führen die neurologischen Defizite bis hin zum Koma. Die Letalität ist hoch, und spezifische antivirale Therapien existieren bislang nicht. Immunmodulatorische Ansätze, wie eine frühzeitige hochdosierte Therapie mit Glukokortikoiden, könnten potenziell den Krankheitsverlauf beeinflussen, sind aber noch nicht ausreichend evaluiert.

Forschungsperspektiven und offene Fragen

Obwohl das Wissen über BoDV-1 in den letzten Jahren zugenommen hat, bleiben viele Fragen unbeantwortet:

  • Welche exakten Eintrittswege nutzt das Virus beim Menschen?
  • In welchem Ausmaß spielt das periphere Nervensystem eine Rolle bei der Dissemination?
  • Gibt es genetische Faktoren, die eine Infektionsresistenz oder -suszeptibilität begünstigen?
  • Welche immunmodulatorischen Therapien könnten effektiv sein?

Künftige Studien sollten sich auf die Standardisierung diagnostischer Kriterien, die Entwicklung antiviraler Strategien und eine detaillierte Analyse der Transmission konzentrieren. 

Weiterhin hoher Forschungsbedarf zum Borna-Virus

BoDV-1 stellt eine ernstzunehmende, potenziell letale Zoonose dar. Trotz der steigenden Zahl dokumentierter Fälle ist der Kenntnisstand zu Epidemiologie, Pathogenese und Therapie noch begrenzt. Interdisziplinäre Forschungsanstrengungen sind essenziell, um das Verhältnis zwischen Wirt, Virus und Umwelt besser zu verstehen und mögliche Behandlungsoptionen zu entwickeln.

Autor:
Stand:
08.03.2025
Quelle:

Jungbäck et al. (2025): Neuropathology, pathomechanism, and transmission in zoonotic Borna disease virus 1 infection: a systematic review. The Lancet Infectious Diseases, DOI: 10.1016/S1473-3099(24)00675-3.

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