Patienten mit Multipler Sklerose (MS) erkranken meist im jungen Erwachsenenalter, nur selten liegt das Manifestationsalter in der Kindheit oder jenseits des 55. Lebensjahrs. Die Krankheitsaktivität nimmt im Alter im Allgemeinen ab. Somit stellt sich die Frage, ob MS-Patienten im Alter bei klinisch stabilem Verlauf weiterhin eine krankheitsmodifizierende Therapie (disease modifying therapy, DMT) benötigen. Dies ist auch in Anbetracht der Medikamenten-assoziierten Sicherheitssignale, etwa dem erhöhten Risiko für Infektionen und maligne Erkrankungen, von Bedeutung.
Studienlage zum Absetzen von DMT bei stabilem MS-Verlauf
In den meisten klinischen Studien zu DMT sind Patienten mit einem Alter über 55 Jahren ausgeschlossen. In Beobachtungsstudien scheint das Risiko für erneute Schübe nach dem Absetzen einer DMT bei jüngeren Patienten, die kürzlich Schübe oder neue Anzeichen von Krankheitsaktivität im MRT gezeigt haben, am größten zu sein. Daher ist die Frage nach einer Deeskalation und möglichen Therapiebeendigung bei Patienten mit langjährig stabilen oder milden MS-Verläufen noch nicht abschließend beantwortet.
Studie vergleicht Fortsetzung und Therapiebeendigung der DMT
Zur weiteren Klärung der Fragestellung untersuchten Neurologen um Prof. John Corboy von der University of Colorado School of Medicine in Aurora, USA, die Fragestellung bei älteren MS-Patienten, welche die DMT beendeten.
DISCOMS: Nichtunterlegenheitsstudie mit fast 260 Teilnehmern
Die DISCOMS-Studie, welche als multizentrische Nichtunterlegenheitsstudie der Phase IV konzipiert wurde, schloss 259 Patienten ab dem 55. Lebensjahr ein, die keinen Rückfall in den letzten fünf Jahren erlitten hatten und deren MRT keine neuen Läsionen in den letzten drei Jahren ergeben hatte. Die vordefinierte Nichtunterlegenheitsgrenze lag bei 8%. Alle Teilnehmer standen zu Studienbeginn unter einer zugelassenen DMT. Die Teilnehmer wurden 1:1 in zwei Gruppen randomisiert, eine Gruppe setzte die DMT fort (DMT-Gruppe, n = 128), die andere beendete sie (Nicht-DMT-Gruppe, n = 131). Die Patienten und ihre behandelnden Ärzte wussten, ob eine Fortführung oder ein Abbruch der DMT stattfand, die Bewertung von Rückfüllen und Auswertung von MRT-Daten erfolgte durch verblindete Personen.
Mehr Rückfälle und MRT-Läsionen ohne DMT
Insgesamt kam es innerhalb von zwei Jahren bei sechs Teilnehmern (4,7%) der DMT-Gruppe und bei 16 Teilnehmern (12,2%) der Nicht-DMT-Gruppe zu einem Rückfall oder einer neuen oder sich vergrößernden Läsion im T2-gewichteten MRT. Der Unterschied in den Ereignisraten betrug 7,5 Prozentpunkte (95% Konfidenzintervall [KI] 0,6 bis 15,0).
Unerwünschte Ereignisse bei den MS-Patienten beider Gruppen
Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen bei ähnlich vielen Teilnehmern auf (DMT-Gruppe: 109 [85%]; Nicht-DMT-Gruppe: 104 [29%]), bei den schweren unerwünschten Ereignissen sah es ähnlich aus (DMT-Gruppe: 20 [16%]; Nicht-DMT-Gruppe: 18 [14%]). Betrachteten die Forscher allerdings die Anzahl der unerwünschten Ereignisse, unabhängig von der Anzahl der betroffenen Patienten, so schnitt die DMT-Gruppe schlechter ab (unerwünschte Ereignisse: 422 vs. 347; schwere unerwünschte Ereignisse: 40 vs. 30). Die häufigsten unerwünschten Ereignisse waren Infektionen des oberen Atmungstraktes.
Unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit der Behandlung
Drei Patienten aus der DMT-Gruppe und vier aus der Gruppe mit der Therapiebeendigung zeigten behandlungsassoziierte unerwünschte Ereignisse. Darunter fiel pro Gruppe je ein schweres unerwünschtes Ereignis in Form eines MS-Rückfalles, der die stationäre Therapie der Patienten erforderte. In der DMT-Gruppe verstarb ein Patient, in der Nicht-DMT-Gruppe waren es zwei Patienten. Ein Zusammenhang mit der jeweiligen Therapie bestand nicht.
Mögliche Therapiebeendigung individuell abwägen und Risiken bedenken
Anhand der Studienergebnisse lässt sich die Frage nach der Nichtunterlegenheit einer Therapiebeendigung gegenüber einer Fortführung der DMT-Therapie bei älteren MS-Patienten mit zuvor stabilem Krankheitsverlauf nicht abschließend beantworten. Die Beendigung einer DMT-Therapie könnte für Patienten ab dem 56. Lebensjahr mit stabiler MS eine mögliche Option sein, wobei die Autoren hier ein geringfügig erhöhtes Risiko für einen Rückfall sehen.
Die Studie wurde vom Patient-Centered Outcomes Research Institute und der National Multiple Sclerosis Society finanziert und ist bei ClinicalTrials.gov unter der Nummer NCT03073603 registriert.





