MS als Krankheitskontinuum neu definiert
Multiple Sklerose (MS) betrifft weltweit rund 2,9 Millionen Menschen. Klassische Unterteilungen in schubförmig-remittierender MS (RRMS), sekundär progredienter MS (SPMS) und primär progredienter MS (PPMS) beruhen auf klinischen Beobachtungen und spiegeln die zugrunde liegende Pathobiologie nur unzureichend wider.
Eine aktuelle Studie von Ganjgahi et al. untersuchte den Krankheitsverlauf von über 8.000 Patienten mit MS mittels eines KI-basierten probabilistischen Machine-Learning-Modells (FAHMM). Ziel war eine datengetriebene Klassifikation, die Krankheitsverlauf, Prognose und Therapieeffekte besser abbildet.
Vier Dimensionen definieren Krankheitszustände
Die Analyse identifizierte vier Schlüsselachsen für die Krankheitsbewertung:
- Physische Behinderung – klinische Einschränkungen der Mobilität und Funktionalität.
- Radiologische Schädigung – T2-Läsionsvolumen und Hirnatrophie als Maß für kumulative Schäden.
- Schübe – akute neurologische Episoden.
- Subklinische Krankheitsaktivität – vor allem im MRT erkennbar: asymptomatische Läsionen, die zur Akkumulation von Hirnschäden beitragen.
Diese Parameter erlauben die Einordnung von Patienten entlang eines Schweregrad-Kontinuums.
Krankheitsprogression erfolgt überwiegend über aktive Zwischenstadien
Patienten in frühen, milden und sich entwickelnden MS-Stadien (early/mild/evolving MS, EME MS; Stadien 1–3) zeigen geringe Behinderung und begrenzte Hirnschädigung. Übergänge in fortgeschrittene Stadien erfolgen nahezu immer über aktive Zwischenzustände, darunter subklinische Krankheitsaktivität (Stadium 4), meist nur radiologisch nachweisbar, sowie akute Schübe (Stadium 5).
Ein direkter Sprung zu fortgeschrittener MS (Stadien 6–8) ist sehr unwahrscheinlich. Fortgeschrittene MS ist durch hohe Behinderung, kognitive Einschränkungen und Hirnatrophie gekennzeichnet; eine Rückkehr in frühere Stadien ist selten. Die subklinische Krankheitsaktivität (Stadium 4) spielt eine zentrale Rolle für die Akkumulation von Hirnschäden und erfordert deshalb engmaschiges Monitoring.
Die FAHMM-Modelle zeigen, dass die Krankheitsprogression primär über diese fokalen Entzündungsstadien erfolgt, teils klinisch symptomatisch, teils asymptomatisch. Dies widerspricht der klassischen Ansicht, dass Läsionen und Schübe auf bestimmte Subtypen beschränkt sind, und unterstreicht die zentrale Rolle von Entzündungsprozessen für die Verschlechterung der Erkrankung, während degenerative Mechanismen eher sekundär auftreten.
Validierung in unabhängigen Kohorten
Die vier Meta-Stadien wurden in einer externen klinischen Studie (Roche MS, N = 2.243) sowie in einer Real-World-Kohorte (MS PATHS, N = 2.280) repliziert. Trotz unterschiedlicher Messmethoden und Besuchsintervallen bestätigten beide Kohorten die Übergangsmuster von frühen zu fortgeschrittenen Stadien über aktive Zustände. Sensitivitätsanalysen zeigten konsistente Ergebnisse, sowohl bei RRMS/SPMS als auch bei PPMS.
Prognose von PIRA und individueller Verlauf
Progression unabhängig von Schüben (PIRA) trat in allen Stadien auf, war jedoch in fortgeschrittenen Zuständen deutlich häufiger. Die FAHMM-Modellierung erlaubt die Prognose individueller Verläufe über fünf Jahre mit hoher Genauigkeit (C-Score = 0,82), visualisiert z. B. in Sankey-Diagrammen. Jeder Besuch in einem aktiven Zustand erhöht das Risiko, in fortgeschrittene Stadien überzugehen.
Einfluss krankheitsmodifizierender Therapien
Daten zur Therapie zeigen, dass krankheitsmodifizierende Therapien (engl. Disease Modifying Treatments, DMTs) das Risiko senken, von EME MS in aktive Zustände überzugehen, und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, länger in der frühen Krankheitsphase zu verbleiben. Die Unterbrechung der Akkumulation von Schäden im zentralen Nervensystem über hochaktive Zustände verlangsamt die Krankheitsprogression und unterstreicht die Relevanz einer frühzeitigen Therapie.
Klinische Implikationen für Therapie und Management
- EME MS: Ziel ist die Prävention von Schüben und subklinischer Aktivität. Patienten profitieren von antiinflammatorischen DMTs.
- Fortgeschrittene MS: Ziel ist die Verlangsamung der Progression und Erhalt der Funktion. SPMS und PPMS sollten ohne Unterscheidung betrachtet werden, um Therapieentscheidungen und Studienrekrutierung zu erleichtern.
Die FAHMM-Analyse unterstützt somit die Sichtweise von MS als dynamisches Kontinuum und liefert quantitative Grundlagen für ein evidenzbasiertes Management und die Entwicklung neuer Therapien.




