Juckreiz bei frontotemporaler Lobärdegeneration

Bei Patienten mit frontotemporaler Lobärdegeneration tritt Juckreiz mehr als doppelt so häufig auf wie bei Alzheimer. In der Magnetresonanztomographien des Gehirns zeigen, dass sowohl Juckreiz als auch die frontotemporale Lobärdegeneration in ähnlichen Hirnregionen Veränderungen verursachen.

Jucken Seniorin

Die frontotemporale Lobärdegeneration (FTLD) ist eine Gruppe neurodegenerativer Erkrankungen, die den fortschreitenden Abbau von Nervenzellen in den Frontallappen und/oder den Temporallappen des Gehirns verursacht. Diese Hirnregionen sind maßgeblich für die Steuerung von Verhalten, Persönlichkeit, Sprache und motorischen Fähigkeiten verantwortlich. Im Gegensatz zu Demenzerkrankungen, wie der Alzheimer-Demenz, tritt FTLD oft in einem jüngeren Alter auf und führt zu markanten Veränderungen im sozialen Verhalten und der Persönlichkeit.

Juckreiz und degenerative Veränderungen liegen im Gehirn nahe beieinander

Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie (MRT) oder Positronenemissionstomographie (PET) zeigen, dass bei Juckreiz der Thalamus, die postzentralen und präzentralen Gyri, die Insula, das Cingulum, die Amygdala und der Precuneus aktiviert sind. In etwa diesen Hirnregionen weisen auch Patienten mit FTLD-Veränderungen auf. Dennoch sind die potenziellen Zusammenhänge zwischen FTLD und Juckreiz bislang nicht gezielt untersucht worden.

Ein internationales Team um den Neurologen Dr. Rafi Hadad von der Stroke and Cognition Clinic am Rambam Health Care Campus in Haifa, Israel, hat nun die Prävalenz von Juckreiz unbestimmter Ursache bei Patienten mit FTLD mit dem Vorkommen dieser Missempfindung bei Patienten mit Alzheimer verglichen und nach neuroanatomischen Korrelaten des Juckreizes bei den betroffenen Patienten gesucht.

Retrospektive Fall-Kontroll-Studie

Daten und Magnetresonanzbilder für die retrospektive Fall-Kontroll-Studie stammten von Patienten mit den klinischen Krankheitsbildern einer FTLD oder einer Alzheimer-Demenz, die an einer Forschungsstudie am Memory and Aging Center der University of California, San Francisco, vom 1. Mai 2002 bis zum 31. Dezember 2021 teilnahmen. Die FTLD-Erkrankungen wurden nach vorherrschender Symptomatik in die folgenden Syndrome kategorisiert:

  • frontotemporale Demenz in der Verhaltensvariante
  • primär progrediente Aphasie in der nichtflüssigen/agrammatischen Variante
  • primär progrediente Aphasie in der semantischen Variante
  • progressives supranukleäres Lähmungssyndrom
  • kortikobasales Syndrom

In die Analyse wurden ausschließlich Patienten aufgenommen, für die umfassende Berichte über die Forschungsbesuche vorlagen, die zudem eine automatisierte Stichwortrecherche im Zusammenhang mit Juckreiz (z. B. Juckreiz, Pruritus, Kratzen usw.) zuließen. Darüber hinaus mussten sich die Patienten innerhalb von sechs Monaten nach der Erstdiagnose einer strukturellen Magnetresonanztomographie des Gehirns unterzogen haben.

Forscher suchten nach Fällen mit Juckreiz unbekannter Ursache

Überprüft wurden 2.091 Forschungsberichte von 1.112 Patienten mit Symptomen, die auf eine FTLD oder Alzheimer-Demenz hindeuteten. Von den 795 Aufzeichnungen, in denen Juckreiz oder ein anderes auf Juckreiz hinweisendes Stichwort angegeben wurde, wurden 137 Fälle von Juckreiz unbekannter Ursache identifiziert. Die Kontrollgruppe wurde aus 317 hinsichtlich des Alters, des Geschlechts und des Schweregrads der demenziellen Erkrankung ähnlichen Patienten ohne Juckreiz gebildet.

Signifikant erhöhte Wahrscheinlichkeit von Juckreiz bei FTLD

Juckreiz unbekannter Ursache wurde bei 38% der Patienten mit FTLD und nur bei 18% derer mit Alzheimer festgestellt. Fast die Hälfte der FTLD-Patienten mit Juckreiz war dabei an der Verhaltensvariante erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Juckreiz auftrat, war bei der FTLD um den Faktor 2,4 höher als bei anderen Demenzfällen. Im Vergleich zu den Kontrollpersonen wies die Gruppe mit Juckreiz eine größere Atrophie der grauen Substanz auf, und zwar beidseitig in der Amygdala, der Insula, dem präzentralen Gyrus und dem Cingulum sowie im rechten frontalen Gyrus superior und im Thalamus.

Bei Patienten mit FTLD in der Verhaltensvariante und Juckreiz beobachtete man im Vergleich zu Patienten mit dem gleichen Syndrom ohne Juckreiz eine rechtslaterale Atrophie der grauen Substanz, die die Insula, den Thalamus, den Gyrus frontalis superior und das Cingulum betraf.

Dysregulation der Juckreiz-Kratz-Netzwerke

Obwohl die retrospektive Fall-Kontroll-Studie keine endgültigen Schlüsse auf kausale Zusammenhänge zulässt, interpretieren die Autoren ihre Ergebnisse dahingehend, dass bei FTLD-Funktionsstörungen der rechten anterioren Insula und der mit ihr verbundenen Regionen zu einer Dysregulation der Juckreiz-Kratz-Netzwerke beitragen, die schließlich zum Juckreiz unbekannter Ursache führen. Weitere Studien sind erforderlich, um diese Zusammenhänge zu untersuchen und auch um die Behandlungsoptionen für die belastende Missempfindung des Juckreizes unbekannter Ursache bei Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen zu verbessern.

Autor:
Stand:
23.08.2024
Quelle:

Hadad et al.(2024): Itching Frequency and Neuroanatomic Correlates in Frontotemporal Lobar Degeneration. JAMA Neurology, DOI: 10.1001/jamaneurol.2024.2213

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden