Modell der Vereinsamung bei psychischer Krankheit

Soziale Isolation und Einsamkeit lösen pathophysiologische Reaktionen aus, die die Gesundheit angreifen. Menschen mit schwerer psychischer Krankheit sind besonders gefährdet sozial abgekoppelt zu werden.

Depression junger Mann

Soziale Abkopplung bei schwerer psychischer Erkrankung

Eine Schizophrenie oder andere schwere psychische Erkrankungen (serious mental illness [SMI]) sind sehr häufig auch mit einem schlechten physischen Gesundheitszustand verbunden. Menschen mit Schizophrenie beispielsweise haben eine um 15-20 Jahre kürzere Lebenserwartung als die Allgemeinbevölkerung [1]. Es ist auch bekannt, dass Menschen mit SMI häufiger sozial isoliert sind und sich einsamer fühlen als die Allgemeinbevölkerung.

Während soziale Isolation einen objektiven Zustand bezeichnet, indem der Betroffene weniger soziale Kontakte und Interaktionen hat als der Bevölkerungsdurchschnitt, beschreibt Einsamkeit das Gefühl, dass man weniger soziale Bindungen hat, als man sich wünscht. Das Einsamkeitsgefühl kann dabei auch bei Menschen entstehen, die objektiv betrachtet sozial nicht isoliert sind. Zur sozialen Abkopplung (social disconnection) tragen bei einer SMI auch krankheitsbedingte Aspekte bei, wie Defizite in der sozialen Wahrnehmung, Motivation und im Verhalten der Patienten.

Einsamkeit gefährdet die Gesundheit

Soziale Isolation und Einsamkeit sind allgemein mit einer schlechteren Gesundheit verbunden [2]. Häufig beeinträchtigt sind beispielsweise die kardiometabolische Gesundheit, Immunfunktionen und die Lebenserwartung. Bei einer Schizophrenie ist „Alleinleben“ ein stärkerer Prädiktor für einen frühen Tod als Rauchen oder das metabolische Syndrom [3]. Darüber hinaus können physische Erkrankungen die soziale Teilhabe der Patienten weiter einschränken und so die zunehmende Vereinsamung befördern.

Mechanismen als Ansatzpunkte für Therapien

Die Zusammenhänge zwischen SMI, sozialer Isolation und schlechter physischer Gesundheit erscheinen plausibel und sind teilweise auch belegt. Die zugrundeliegenden psychologischen und neurobiologischen Mechanismen, die zur sozialen Isolation bei einer SMI beitragen bzw. diese möglicherweise verstärken, sind jedoch noch nicht geklärt. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen könnte zu neuen Therapieansätzen führen, die sowohl die psychische als physische Gesundheit der Patienten verbessern.

Auf der Grundlage dieser Hypothese haben Dr. Daniel Fulford, klinischer Psychologe und außerordentlicher Professor an der Boston University and Dr. Daphne J. Holt, Psychiaterin und außerordentlicher Professorin an der Harvard Medical School in Boston, aktuelles Wissen zu diesem Thema in einem narrativen, selektiven Review zusammengefasst und ein „Sozial-Homöostase-Modell“ entwickelt, das das dynamische Zusammenspiel von sozialer Isolation, Einsamkeit und Gesundheit bei Patienten mit SMI abbilden soll [4].  

Sozial-Homöostase-Modell bei SMI

In dem Modell verstärken sich Einsamkeit und soziale Isolation gegenseitig. Bei einer SMI tragen Defizite in der sozialen Wahrnehmung zur sozialen Isolation bei. Die soziale Isolation und/oder die beeinträchtigte soziale Wahrnehmung rufen das Gefühl der Einsamkeit hervor, das mit einer erhöhten sozialen Empfindlichkeit verbunden ist. Vermeidungsstrategien und sozialer Rückzug der Patienten vergrößern die zwischenmenschliche Distanz und damit auch die soziale Isolation.

Das Gefühl der Einsamkeit greift die Gesundheit der Patienten an, indem es das Sympathikus-System aktiviert, Entzündungen fördert und zu einer Dysregulation des Immunsystems führt. Infolge der sozialen Abkopplung erfährt der Patient wenig soziale Unterstützung und einen schlechteren Zugang zu Gesundheitsressourcen. Diese Defizite tragen zur Verschlechterung des Gesundheitszustandes bei.

Basis für neue Therapieansätze

In ihrem narrativen Review präsentieren die Autoren ein Modell der psychologischen und neuronalen Mechanismen der sozialen Abkopplung bei SMI. Das Modell basiert dabei auf publizierten Daten zu Verhalten und Neurobiologie, theoretischen Modellen zu Isolation und Einsamkeit in der Allgemeinbevölkerung und Tiermodellen sowie den Zusammenhängen von sozialer Abkopplung und negativen gesundheitlichen Folgen. Das Modell bedarf der Prüfung.

Die Autoren gehen aber davon aus, dass ihr Modell das Verständnis für die beteiligten Mechanismen verbessern kann und als Grundlage für die Entwicklung neuer Ansätze zur Vorbeugung einer fortschreitenden sozialen Abkopplung bei einer SMI und deren gesundheitlicher Folgen dienen kann.

Autor:
Stand:
15.08.2023
Quelle:
  1. Correll et al. (2022): Mortality in people with schizophrenia: a systematic review and meta-analysis of relative risk and aggravating or attenuating factors. World Psychiatry, DOI: 10.1002/wps.20994
  2. Holt-Lunstad (2022):  Social Connection as a Public Health Issue: The Evidence and a Systemic Framework for Prioritizing the "Social" in Social Determinants of Health. Annual Review of Public Health, DOI: 10.1146/annurev-publhealth-052020-110732
  3. Green et al. (2018): At Issue: Social Disconnection in Schizophrenia and the General Community. Schizophrenia Bulletin, DOI: 10.1093/schbul/sbx082
  4. Fulford u. Holt (2023):  Social Withdrawal, Loneliness, and Health in Schizophrenia: Psychological and Neural Mechanisms, Schizophrenia Bulletin, DOI: 10.1093/schbul/sbad099
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