Lange erwarteter Einblick in Pathophysiologie von ME/CFS

Eine US-amerikanische Studie untersuchte zahlreiche Parameter bei Patienten mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom und liefert neue Einsichten in die Pathophysiologie dieser schweren und bislang kaum verstandenen Erkrankung.

Brain Fog

Die Diagnose ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) erhalten Betroffene oft erst nach Jahren. Die Erkrankung hat vielfältige Symptome, es gibt keine Biomarker und dementsprechend schwer ist die Diagnosefindung, die letztendlich auf einer Ausschlussdiagnostik beruht. Dieser lange Weg ist umso schlimmer, weil Patienten in ihrer Lebensqualität durch Symptome wie Fatigue, Schmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen häufig stark eingeschränkt sind. Sowohl körperliche als auch mentale Belastung können die Symptome verschlimmern, was als Post-exertional Malaise (PEM) bezeichnet wird. Typisch ist, dass Ausruhen und Schonung die Beschwerden nicht verbessert.

Bislang wenig bekannt zu Pathomechanismen hinter ME/CFS

Die Erkrankung beginnt häufig nach viralen Infektionen wie Pfeifferschem Drüsenfieber, Grippe oder einer Covid-19-Erkrankung. Die genauen Pathomechanismen hinter ME/CFS sind bislang unbekannt, man geht von einer Fehlregulation in Nerven- und Immunsystem aus, was sich in einer neuroimmunologischen Multisystemerkrankung äußert.

Studie vergleicht ME/CFS-Patienten mit gesunder Kontrollgruppe

Selbst wenn die Diagnose steht, ist eine Therapie schwierig, da Patienten sehr individuell ansprechen und die Pathomechanismen bislang nur unzureichend verstanden worden sind. Eine Forschergruppe aus den USA wollte dies ändern und hat zwischen 2016 und 2020 Patienten mit postinfektiöser ME/CFS (PI-ME/CFS) und eine Kontrollgruppe untersucht, um mehr über die Pathophysiologie der Erkrankung zu erfahren. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachjournal „Nature Communications“ publiziert [1].

Eindeutige Unterschiede zwischen ME/CSF-Patienten und Kontrollgruppe

Die Studie wurde unter Erstautor Dr. Brian Walitt vom National Institute of Neurological Diseases and Stroke (NINDS), Bethesda, USA, durchgeführt. Beteiligt waren insgesamt 75 Forscher und Kliniker der National Institutes of Health (NIH). Zwischen den 17 Teilnehmern mit PI-ME/CFS und den 24 Probanden der Kontrollgruppe zeigten sich zahlreiche Unterschiede in der Physiologie verschiedener Organsysteme.

ME/CFS-Betroffene ernst nehmen

Studienleiter Dr. Avindra Nath, klinischer Direktor des NINDS, betont in Anbetracht der Ergebnisse, dass eindeutige physiologische Veränderungen bei den Betroffenen vorliegen. „Es ist eine systemische Erkrankung und die Menschen, die damit leben, verdienen es, dass ihre Erfahrungen ernst genommen werden“, so Nath [2]. Der Neurologe spielt darauf an, dass Betroffene und ihre Beschwerden häufig nicht verstanden werden und die Symptomatik nicht selten als rein psychisch eingestuft wird.

Forscher weisen multisystemische Veränderungen bei ME/CFS nach

In der Studie wendeten die Forscher die sogenannte tiefe Phänotypisierung an. Dabei werden verschiedene Patientendaten und -merkmale erfasst, dokumentiert und verglichen. Hierbei zeigten sich diverse Veränderungen in der Physiologie von Menschen mit ME/CFS:

  • Immunsystem: Erhöhung naiver B-Zellen und weniger switched Memory B-Zellen als Zeichen für chronische Antigenstimulation.
  • Darmmikrobiom: Geringere mikrobielle Diversität in Stuhlproben.
  • Neurotransmitter-Stoffwechsel: Signifikant niedrigere Dopamin-Metaboliten im Liquor, assoziiert mit schlechterer motorischer Performance und kognitiven Symptomen.
  • Autonomes Nervensystem: Höhere Ruheherzfrequenz, geringere Herzfrequenzvariabilität beim Gehen und geringerer Abfall der Herzfrequenz in der Nacht.
  • Herz-Kreislauf-System: Niedrigere maximale Herzfrequenz und aerobe Kapazität bei körperlicher Belastung und verminderte Cortisol-Antwort nach Belastung.
  • Greiftest: Probleme beim Halten der Kraft bei wiederholtem Greiftest, was im MRT mit einer verminderten Aktivität der tempoparietalen Kreuzung einherging. Die Forscher vermuten hier als mögliche Ursache eine Diskrepanz zwischen gewünschter Aktion und der resultierenden Bewegung.

Die Autoren betonen, dass psychische Veränderungen in der untersuchten Kohorte nicht vorherrschend und nicht für die Schwere der Symptome verantwortlich waren.

Veränderungen in Immunsystem und Darmmikrobiom als Ausgangspunkt

Die Forscher vermuten, dass eine Infektion bleibende Veränderungen im Immunsystem und Darmmikrobiom auslöst, möglicherweise durch die Persistenz des Pathogens im Organismus. Diese Veränderungen wiederum wirken sich auf das Gehirn aus, was unter anderem in einer Reduktion von Neurotransmittern resultiert. Dies führe schließlich zu Störungen im autonomen Nervensystem und zur Leistungsreduktion des Herz-Kreislauf-Systems, so die Hypothese der Forscher. Auch die Funktion des Hypothalamus scheint betroffen, was zu einer verminderten Gehirnaktivität während motorischer Aufgaben führt.

Studie liefert Grundlage für weitere Forschung zu ME/CFS

Auch wenn in der Studie nur eine kleine Kohorte untersucht wurde, so liefert die tiefe Phänotypisierung zahlreiche Daten zu den multisystemischen Veränderungen bei ME/CFS-Betroffenen und damit zahlreiche Ansatzpunkte für weitere Forschung. Bis zur Etablierung von Biomarkern zu Diagnostik und Monitoring sowie zu kausalen Therapieansätzen dürfte es noch ein weiter Weg sein. Für Betroffene sind die Studienergebnisse dennoch bedeutsam. „Die wichtigste Botschaft aus dieser Studie ist, dass Menschen mit ME/CFS signifikante objektivierbare Veränderungen in multiplen Systemen zeigen“, so Dr. Hector Bonilla, Direktor der ME/CFS-Klinik in Stanford [2].

Autor:
Stand:
23.04.2024
Quelle:
  1. Walitt et al. (2024): Deep phenotyping of post-infectious myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome. Nature Communications, DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-024-45107-3
  2. Eastman (2024): NIH Study Provides Long-Awaited Insight Into Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. JAMA, DOI: 10.1001/jama.2024.3603
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