Pädiatrischer Beginn der MS
Die Multiple Sklerose (MS) manifestiert sich meist im 2.- 4. Lebensjahrzehnt. Je nach Quelle erleben jedoch 3-5% oder bis zu 20% der Patienten mit MS den Beginn ihrer Erkrankung, bevor sie 18 Jahre alt sind [1,2]. Die meisten der pädiatrischen MS Patienten haben einen schubförmigen remittierenden Verlauf (relapsing remitting MS [RRMS]).
Die Progression der Behinderung infolge einer MS kann auf zwei Wegen vorangetrieben werden: einer schubassoziierten Verschlechterung (relapse-associated worsening [RAW]) und/oder einer Progression der Behinderung ohne Krankheitsaktivität (progression independent of relapse activity [PIRA]). Es wurden Vermutungen geäußert, dass die größeren Reparaturkapazitäten bei jungen Menschen mit pädiatrischem Beginn der MS (pediatric-onset MS [POMS]) vor PIRA schützen könnten. Bislang wurde nicht jedoch untersucht, ob und wie häufig es bei Kindern und Jugendlichen bzw. Patienten mit POMS zu einer PIRA kommt.
Behinderungsentwicklung nach Krankheitsbeginn
Wissenschaftler um Prof. Dr. Maria Trojano, Professorin für Neurologie an der Universität Bari und Prof. Dr. Maria Pia Amato, Professorin für Neurologie an der Universität von Florenz, führten eine großangelegte Kohortenstudie durch, um das erste Auftreten von PIRA und RAW bei Patienten mit POMS, einem Krankheitsbeginn im Alter zwischen 19-50 Jahren (adult onset MS [AOMS]) und einem späten MS-Beginn im Alter >50 Jahre (late-onset MS [LOMS]) zu vergleichen.
Hierzu nutzten sie die vom 1. Juni 2000 bis zum 30. September 2021 prospektiv erhobenen Daten von 73.564 MS-Patienten aus 120 MS-Zentren des Italienischen MS Registers (IMSR). Die Endpunkte der Studie umfassten die altersbezogene kumulative Inzidenz und die adjustierten Hazard Ratios für PIRA und RAW sowie die damit assoziierten Faktoren. Ein Anstieg des Behinderungsgrads (Expanded Disability Status Scale [EDSS]) von Baseline 0 um ≥1,5 Punkte, von Baseline 1,0-5,5 um ≥1,0 Punkte und von Baseline ≥6 um ≥0,5 48 Wochen oder später nach Studienbeginn wurde als bestätigte Akkumulation der Behinderung (Confirmed disability accrual [CDA]) definiert.
Weniger Behinderung bei POMS
In die Kohortenstudie wurden 16.130 MS Patienten eingeschlossen. Das mediane Alter bei Krankheitsbeginn betrug 28,7 Jahre (22,8-36,2 Jahre); 68,3 % der Patienten waren Frauen. Im Vergleich zu AOMS und LOMS waren Patienten mit POMS weniger behindert, zeigten aber aktivere Erkrankungen und wurden über einen längeren Zeitraum mit krankheitsmodifizierenden Therapien (disease modifying therapy [DMT]) behandelt.
Anstieg von PIRA mit zunehmendem Alter
Eine erste bestätigte PIRA nach 48 Wochen (CDA) wurde bei 7.176 (44,5%) der Patienten festgestellt. Davon waren 558 Patienten mit POMS (40,4% der Alterskohorte), 6.258 Patienten mit AOMS (44,3%) und 360 Patienten mit LOMS (56,8%). Mit PIRA assoziierte Faktoren waren ein höheres Alter bei Krankheitsbeginn (AOMS gegenüber POMS Hazard Ratio [HR] 1,42; LOMS gegenüber POMS HR 2,98), eine längere Krankheitsdauer und eine kürzere Behandlungsdauer mit DMT.
Die Inzidenz von PIRA von 1,3% bei Patienten mit 20 Jahren stieg mit zunehmendem Alter rapide an: auf 9% bei den 21-30jährigen und verdoppelte sich danach in jedem Lebensjahrzent bis auf 78,7% bei 70jährigen. Die kumulative Inzidenz von RAW-Ereignissen verlief nach einem ähnlichen Muster (0,5% 20jährige, 3,5% 30jährige, 7,8% 40jährige, 14,4% 50jährige und 24,1% 60jährige)
Ein verzögerter DMT-Beginn war mit einem erhöhten Risko für PIRA (HR 1,16) und RAW (HR 1,75) verbunden.
POMS schützt nicht vor PIRA
Die Studie zeigte, dass PIRA in jedem Alter auftreten kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten mit POMS in der ersten Dekade nach der Diagnose PIRA zeigen, ist jedoch geringer als bei AOMS oder LOMS. Eine DMT war mit einer Reduktion des Auftretens sowohl von PIRA als auch RAW verbunden. Dieses Studienergebnisse unterstützen einen frühen DMT-Beginn unabhängig vom Alter der Patienten beim Krankheitsbeginn.





