KI und Wearables verändern die Epilepsieversorgung
Mobile Sensorik und künstliche Intelligenz (KI) entwickeln sich zu zentralen Instrumenten in der modernen Epileptologie. Klinisch validierte Wearables erfassen kontinuierlich physiologische Signale und ermöglichen eine zuverlässige Erkennung generalisierter tonisch-klonischer Anfälle, oft schneller und objektiver als herkömmliche Symptomtagebücher. Modelle, die Bewegungsmuster über Handgelenk- oder Matratzensensoren analysieren, sind in Deutschland bereits zugelassen und können zur nächtlichen Überwachung verordnet werden.
Gleichzeitig liefert die kontinuierliche Datenerfassung wertvolle Informationen über Erkrankungsverlauf, Therapieransprechen und individuelle Anfallsmuster – ein entscheidender Fortschritt insbesondere in Fällen mit unregelmäßig auftretenden Symptomen.
Von der Symptomerfassung zur prädiktiven Diagnostik
Wearables ermöglichen objektive Langzeitdaten
Der bisherige Goldstandard – manuelle Symptomtagebücher – ist fehleranfällig und häufig ungenau. Wearables schließen diese diagnostische Lücke, indem sie Bewegungs-, Herzfrequenz- und Sauerstoffsättigungsdaten automatisiert erfassen. Studien belegen die hohe Sensitivität dieser Systeme, wenn sie klinisch geprüft und sachgerecht angewendet werden.
KI-Modelle erreichen Expertenniveau
Moderne KI-Modelle erkennen epileptiforme Aktivität in EEG-Daten mit einer Präzision, die der Beurteilung durch erfahrene Epileptologen entspricht. Die Analyse hochdimensionaler Sensordaten ermöglicht zudem die Detektion subtiler Muster, die visuell schwer erfassbar sind. Dies gilt sowohl für Anfallsmuster als auch für strukturelle Veränderungen in der Bildgebung wie fokale kortikale Dysplasien.
Ein weiteres Einsatzfeld: KI kann anhand von Schlafableitungen prädiktiv Hinweise auf verschiedene neurologische Erkrankungen liefern – ein Zukunftsfeld, das über die Epilepsie hinausreicht.
Consumer-Geräte: Potenzial und Risiken
Der Markt kommerzieller Smartwatches und Sensoren wächst rasant. Studien zeigen, dass handelsübliche Smartwatches generalisierte tonisch-klonische Anfälle mit hoher Zuverlässigkeit erkennen können, wenn sie mit geeigneten Algorithmen kombiniert werden.
Dennoch bleiben Herausforderungen:
- fehlende klinische Validierung vieler Consumer-Geräte,
- mögliche Signalartefakte,
- ungelöste Datenschutzrisiken bei der Verarbeitung hochsensibler Gesundheitsdaten.
Prof. Rainer Surges betont daher, dass geprüfte medizinische Produkte klar von frei verkäuflichen Wearables abzugrenzen sind.
Weg zur personalisierten Neuro-Gesundheit
Die Kombination aus Miniaturisierung, energieeffizienten Sensoren und KI-gestützter Analyse wird künftig eine weitreichende Individualisierung der Epilepsieversorgung ermöglichen. Wearables entwickeln sich von einfachen Erfassungsinstrumenten zu klinisch relevanten Entscheidungshilfen:
- automatisierte Erkennung riskanter Anfallsverläufe,
- frühzeitige Risikoabschätzung für SUDEP („Sudden Unexpected Death in Epilepsy“),
- individualisierte Therapieanpassung,
- bessere Differenzialdiagnostik seltener Ereignisse.
Wearables und KI schaffen damit die Grundlage für eine umfassend personalisierte Epilepsiemedizin.
Kongresshinweis
Die dargestellten Erkenntnisse werden ausführlich auf dem Kongress für Klinische Neurowissenschaften der DGKN e. V. diskutiert, der vom 25. bis 27. Februar 2026 in Augsburg stattfindet.





