Epigenetische Treiber und therapeutische Hürden in der pädiatrischen AML
Akute myeloische Leukämie (AML) ist bei Kindern durch eine geringere Mutationslast im Vergleich zu Erwachsenen, aber durch eine hohe Prävalenz onkogener Fusionsproteine gekennzeichnet. Die NUP98::KDM5A-Fusion, ein chimäres Onkoprotein aus NUP98 und KDM5A, kommt insbesondere bei AML oder akuter megakaryoblastärer Leukämie (AMKL) im Kindesalter vor und ist mit einem ungünstigen klinischen Verlauf assoziiert. Im Gegensatz zur adulten AML sind zielgerichtete Therapien bei Kindern bislang rar.
Fusionsproteine wie NUP98::KDM5A verändern tiefgreifend das epigenetische Gleichgewicht der Leukämiezellen. Dennoch sind die unmittelbaren Auswirkungen auf Transkriptom, Chromatinstruktur und therapeutisch nutzbare Schwachstellen bislang unzureichend verstanden.
NUP98::KDM5A fördert Leukämogenese durch epigenetische Reprogrammierung
In einer aktuellen Studie aus Wien, veröffentlicht in Nature Communications, wurde mittels ATAC-seq (Assay for Transposase-Accessible Chromatin using sequencing) und CUT&Tag (Cleavage Under Targets and Tagmentation) – zwei Methoden zur Analyse der Chromatinstruktur und Protein-DNA-Interaktionen – ein charakteristisches epigenetisches Profil in NUP98::KDM5A-positiven AML-Zellen identifiziert. Es zeigt sich eine verstärkte Chromatinzugänglichkeit hämatopoetischer Stammzellgene sowie eine Anreicherung aktivierender Histonmarkierungen (H3K27ac, H3K4me3). Dies verweist auf eine epigenetische Reprogrammierung, die einen undifferenzierten Zellstatus stabilisiert.
Um die direkten Auswirkungen dieser Veränderungen zu untersuchen, setzten die Forschenden ein transgenes Mausmodell ein, mit dem sich das Fusionsprotein gezielt und zeitlich gesteuert ausschalten lässt. Der Verlust von NUP98::KDM5A führte innerhalb weniger Stunden zu einer Reduktion aktivierender Histonmarkierungen an Zielgenen, einem Transkriptionsstopp zentraler Stammzellgene (z. B. Hoxa9, Meis1) sowie zur terminalen Differenzierung und Apoptose.
Identifikation essenzieller Zielgene: CDK12 im Fokus
Durch Kombination verschiedener Methoden – darunter SLAM-seq zur Analyse neu synthetisierter RNA, RNA-seq zur umfassenden Transkriptomprofilierung und ein genomweiter CRISPR/Cas9-Screen zur Identifikation funktionskritischer Gene – konnten 45 direkt regulierte Zielgene identifiziert werden, von denen zwölf für das Überleben der Leukämiezellen unerlässlich sind. Darunter befinden sich zentrale Transkriptionsfaktoren wie HOXA9, BCL11A und NKX2-3 sowie CDK12 – eine pharmakologisch angreifbare Cyclin-abhängige Kinase.
CDK12 ist maßgeblich an der Transkriptionselongation und der Expression von DNA-Reparaturgenen beteiligt. NUP98::KDM5A bindet direkt an den Promotor von CDK12, hält dort aktivierende Histonmarkierungen aufrecht und gewährleistet dessen Überexpression in AML-Zellen.
Pharmakologische Inhibition von CDK12 als therapeutischer Ansatz
Die gezielte Ausschaltung von CDK12 – entweder durch genetische Verfahren oder durch spezielle Wirkstoffe – hemmte das Wachstum von AML-Zellen mit NUP98::KDM5A-Fusion deutlich. Ein dabei eingesetzter Wirkstoff, THZ531, wirkte besonders schädlich auf die Leukämiezellen, während gesunde Blutstammzellen weitgehend verschont blieben.
Mechanistisch resultiert die CDK12-Hemmung in einer verminderten Expression von DNA-Reparaturgenen (z. B. BRCA2, RAD50, MDC1) und in einer Akkumulation von DNA-Schäden. Der damit einhergehende Verlust der Proliferationsfähigkeit unterstreicht die funktionelle Abhängigkeit von CDK12.
Klinische Relevanz und Ausblick
Die Studie zeigt, dass das NUP98::KDM5A-Fusionsprotein zentrale epigenetische Programme aktiv steuert und eine Transkriptionslandschaft etabliert, die das Überleben leukämischer Stammzellen ermöglicht. Die Identifikation von CDK12 als direkt reguliertes und therapeutisch nutzbares Ziel eröffnet neue Behandlungsoptionen – insbesondere für pädiatrische AML-Subgruppen mit hohem medizinischem Bedarf.
Weitere präklinische Studien sind erforderlich, um CDK12-Inhibitoren in vivo zu evaluieren, ihre Sicherheit zu charakterisieren und potenzielle Resistenzmechanismen zu identifizieren. Langfristig könnte die Kombination aus gezielter epigenetischer Inhibition und Chemotherapie die Prognose bei NUP98::KDM5A-positiver AML substanziell verbessern.









