Professor Dr. Torsten Gerriet Blum von der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin hat auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) 2024 in Mannheim bedeutende Fortschritte auf dem Weg zu einem risikobasierten Lungenkrebsscreening in Deutschland hervorgehoben:
Bereits 2021 erkannte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den möglichen Nutzen der Low-Dose-Computertomographie (LDCT) speziell für (ehemalige) starke Raucherinnen und Raucher. Im selben Jahr sprach sich auch das Bundesamt für Strahlenschutz für das Screening aus, allerdings unter der Bedingung, dass strenge Sicherheitsstandards eingehalten werden, um ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis zu garantieren.
Ein wichtiger Schritt war die Vorlage eines Entwurfs für eine Lungenkrebs-Früherkennungsverordnung im Juli 2023. Zudem haben die DGP zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie (DGT) und der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) in einem Positionspapier Empfehlungen für die Implementierung des Screenings formuliert. Aktuell arbeitet das IQWiG an der Aktualisierung seiner Nutzenbewertung auf Ersuchen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), um eine solide Basis für die Einführung des Screenings zu schaffen.
Blum prognostiziert, dass das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) die Verordnung zur Früherkennung von Lungenkrebs (LuKrFrühEkV) im zweiten Quartal 2024 herausgeben wird. Anschließend verfügt der G-BA über einen Zeitraum von 18 Monaten, um die Verordnung zu prüfen, das Stellungnahmeverfahren durchzuführen und über die Einführung des Lungenkrebsscreenings auf Kosten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu entscheiden.
Stadienshift durch Screening kann gelingen
Ziel des risikobasierten Screenings ist die Früherkennung von Tumoren, sodass mehr Lungenkrebserkrankungen im potenziell heilbaren Stadium I und II und deutlich weniger im Stadium III und IV entdeckt werden. Bislang werden in Deutschland 54% der Betroffenen im Stadium IV und 23% im Stadium III diagnostiziert, erklärte Blum. In einem Pilotprojekt in Taiwan hat das Screening den erhofften Stadien-Shift erzielt: Die Zahl der Lungenkrebserkrankungen, die im Stadium I und II erkannt wurden, stieg seit Einführung des Screenings kontinuierlich von 19,3% auf 62,8% an. Der Anteil liegt damit inzwischen weit über der Rate an Neudiagnosen mit Stadium III und IV, die sich seit Beginn des Screenings von 71% auf 34% verringert und damit mehr als halbiert hat.
Weniger falsch-positive Befunde durch angepasste Strategie
Eine wichtige Kritik am Lungenkrebsscreening mit dem LDCT ist die hohe Rate an abzuklärenden Rundherden in der Lunge, von denen viele kein malignes Potenzial haben. Dieses Problem lässt sich dadurch verringern, dass zwischen kontrollbedürftigen Befunden und abklärungsbedürftigen Befunden unterschieden wird. Bei kontrollbedürftigen Befunden erfolgt nach drei Monaten eine erneute LD-CT, die häufig Entwarnung gibt. Nur bei abklärungsbedürftigen Befunden folgt direkt die weitere, auch invasive Diagnostik. Letzteres betrifft nur etwa 4% der Gescreenten, erläuterte Blum und verwies auf eine Analyse von Ergebnissen von fünf Lungenkrebsscreening-Programmen in Großbritannien.
Danach hatten 82 von 100 gescreenten Risikopersonen einen negativen LD-CT-Scan. 14 wiesen einen Rundherd auf, der eine vorgezogene erneute LDCT-Kontrolle nach drei Monaten nach sich zog und fast immer keine Lungenkrebsdiagnose bedeutete. 4 von 100 wurden einer ausführlichen Diagnostik unterzogen, von denen zwei tatsächlich eine Lungenkrebsdiagnose erhielten. Die nicht an Lungenkrebs erkrankten weiter untersuchten Patienten hatten durch die teils invasive Diagnostik keinen relevanten Schaden, meinte Blum. Damit die falsch-positiven Resultate in einem derart überschaubaren Rahmen bleiben, muss die Radiologie bei der Rundherdeinstufung eine sehr große Verantwortung übernehmen, ergänzte er. Wichtig sind Algorithmen, wie sie das American College of Radiology bereits entwickelt hat (ACR Lung RADS v2022).
Osteuropa führt bei Lungenkrebsscreening
Das gemeinsame Positionspapier von DGP, DGT und DRG hat die strukturellen Grundlagen für das risikoadaptierte Lungenkrebsscreening mittels LDCT in Deutschland festgelegt. Doch andere europäische Nationen haben bereits entscheidende Schritte nach vorne gemacht. Wie Blum berichtet, führte Kroatien bereits im Jahr 2020 ein landesweites LDCT-Screeningprogramm für Lungenkrebs ein. Die Tschechische Republik und Polen befinden sich aktuell im Übergang von Pilotprojekten zu strukturierten nationalen Screeningprogrammen. Deutschland befindet sich, zusammen mit Ländern wie Großbritannien, Irland, Frankreich, Dänemark und Italien, in einer vergleichbaren Entwicklungsphase.









