Herausforderungen und Potenziale der Präzisionsmedizin in der Onkologie

Die Präzisionsmedizin verspricht eine maßgeschneiderte Therapie für Krebspatienten. Trotz fortschrittlicher Technologien stoßen viele innovative Ansätze noch auf Hürden in der Versorgung.

Forschung Medizin

Dr. Elisabeth Mack, Chefärztin für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin im St. Marienkrankenhaus Siegen, sprach bei der Eröffnungspressekonferenz des 130. Internistenkongresses in Wiesbaden über die Präzisionsmedizin [1].

Deren Ziel ist eine präzise und individuell angepasste Therapie für jeden Patienten. Obwohl die Onkologie in diesem Bereich führend ist, werden neue innovative Behandlungsansätze oft nicht in der Versorgungspraxis umgesetzt. Die Ursachen hierfür erläuterte Mack auf der Eröffnungspressekonferenz.

Maßgeschneiderte Therapien für Krebspatienten

Im Gegensatz zu einer One-size-fits-all-Behandlung werden bei der Präzisionsmedizin Informationen über die genetische Veranlagung, den Lebensstil und andere individuelle Faktoren eines Patienten genutzt, um genauere Diagnosen zu stellen und personalisierte Therapien zu entwickeln. Durch die präzise Anpassung der Behandlung kann die Wirksamkeit erhöht und gleichzeitig das Risiko von Nebenwirkungen verringert werden. In der Onkologie zielt die Präzisionsmedizin darauf ab, Therapien basierend auf den spezifischen genetischen Veränderungen eines Tumors zu entwickeln, um die bestmögliche Behandlung für den jeweiligen Patienten zu erreichen. Technologien wie das Next Generation Sequencing ermöglichen es heute, alle diagnostisch oder therapeutisch relevanten Varianten einer Tumor-DNA, einschließlich einiger komplexer Biomarker, innerhalb weniger Tage auszulesen, erklärte Mack.

Die Rolle von molekularen Tumorboards

Die Präzisionsmedizin wird häufig als Ergänzung zu den herkömmlichen Krebstherapien angewendet, sowohl in klinischen Studien als auch als Off-Label-Therapien. Eine zentrale Rolle spielen dabei molekulare Tumorboards (MTB), die als Schnittstelle zwischen Diagnose und klinischer Praxis dienen. Diese Gremien bringen Fachleute verschiedener Disziplinen zusammen, um ihr Wissen in den Bereichen Genetik, Biologie und klinische Medizin zu kombinieren. Dieser Prozess erfordert erhebliche Anstrengungen und Ressourcen.

„Umso bedauerlicher ist es, dass die von Molekularen Tumorboards empfohlene Therapie dann nur in etwa ein Drittel der Fälle durchgeführt wird – weil es an klinischen Studien mangelt, in die die Betroffenen eingeschlossen werden könnten, und Krankenkassen die Bezahlung der noch nicht zugelassenen Therapien oft ablehnen“, erläutert Mack.

Herausforderungen bei der Kostenübernahme

Die Ablehnung der Kostenübernahme liegt vor allem an unterschiedlichen Interpretationen der molekularen Evidenz. Die Evidenzniveaus im molekularen Bereich entsprechen nicht immer den Graden der evidenzbasierten Medizin, weshalb sie häufig als nicht ausreichend betrachtet werden, um die gesetzlichen Anforderungen für die Kostenübernahme bei individuellen Heilversuchen zu erfüllen.

Im Jahr 2022 wurden in Zentren für personalisierte Medizin durchschnittlich etwa 250 bis 800 Fälle pro Standort verzeichnet. Angesichts von jährlich 480.000 neuen Krebserkrankungen und 15.000 Neudiagnosen bei jungen Erwachsenen, die typischerweise für eine Vorstellung im molekularen Tumorboard infrage kommen, zeigt sich, dass die Präzisionsonkologie noch nicht weit genug verbreitet ist, um allen potenziell geeigneten Patienten zugute zu kommen.

Aktuell würden laut Mack nur etwa 3–10% aller Krebspatienten einen klinischen Nutzen von der Präzisionsmedizin erhalten. Wenn jedoch tatsächlich alle Patienten gemäß den Empfehlungen der MTB behandelt würden, könnten etwa 30% der Fälle davon profitieren.

Die Bedeutung präzisionsonkologischer Netzwerke für die Patientenversorgung

Die Präzisionsonkologie hat sich noch nicht als neuer Standard in der Krebsmedizin etabliert. Der formal ausstehende Wirksamkeitsbeweis ist jedoch auch unter den aktuellen Rahmenbedingungen möglich. Patienten und Ärzte können dazu beitragen, indem sie sich für eine Behandlung in einem Zentrum entscheiden, das seine Leistungen beispielsweise im Rahmen einer Registerstudie wissenschaftlich begleitet.

Darüber hinaus empfiehlt es sich, ein Zentrum auszuwählen, das Teil eines präzisionsonkologischen Netzwerks ist. Diese Netzwerke garantieren bestimmte Standards für die angewandten diagnostischen Verfahren und die Auswertung molekularer Befunde, was eine höhere Qualität und Konsistenz der Patientenversorgung gewährleistet. Sie ermöglichen außerdem den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen verschiedenen Fachleuten und Institutionen, wodurch die Patientenbetreuung und Forschungsförderung verbessert werden.

Autor:
Stand:
13.05.2024
Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Internistenkongress, 13.–16. April 2023.

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