Hämatologische Neoplasien gehören zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. In westlichen Industrienationen entfallen rund ein Drittel aller pädiatrischen Malignome auf Leukämien und Lymphome. Diagnostische Bildgebung spielt eine zentrale Rolle in der Versorgung dieser Patienten, insbesondere durch Verfahren wie Computertomografie (CT), konventionelles Röntgen und nuklearmedizinische Methoden. Diese Techniken sind jedoch mit Expositionen gegenüber ionisierender Strahlung verbunden, deren karzinogenes Potenzial seit Langem belegt ist.
Daten von mehr als 3,7 Millionen Kinder ausgewertet
Eine im 'New England Journal of Medicine (NEJM)' publizierte multizentrische retrospektive Kohortenstudie, koordiniert unter anderem von der University of California, San Francisco, untersuchte den Zusammenhang zwischen kumulativer Strahlenexposition durch medizinische Bildgebung und dem Auftreten von Blutkrebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Eingeschlossen waren 3.724.623 Kinder, geboren zwischen 1996 und 2016, die in sechs US-amerikanischen Gesundheitssystemen sowie in Ontario (Kanada) medizinisch betreut wurden.
Die Nachbeobachtung erfolgte bis zur erstmaligen Diagnose einer Krebserkrankung oder eines benignen Tumors, bis zum Tod, zum Ende der Versicherung, zum Erreichen des 21. Lebensjahres oder bis zum 31. Dezember 2017. Die Strahlendosen wurden patientenspezifisch für das aktive Knochenmark rekonstruiert.
Erkrankungshäufigkeit und Strahlenbelastung
In 35.715.325 Personenjahren wurden insgesamt 2.961 hämatologische Malignome diagnostiziert. Davon entfielen 79,3 % auf lymphoide Malignome, 15,5 % auf myeloische Malignome einschließlich akuter Leukämien und 4,4 % auf histiozytäre bzw. dendritische Zellneoplasien.
Die mittlere Strahlenexposition betrug bei exponierten Kindern 14,0 ± 23,1 mGy, während Kinder mit hämatologischen Malignomen im Mittel 24,5 ± 36,4 mGy erhielten. Zum Vergleich: Eine einzelne CT-Untersuchung des Kopfes entspricht etwa 13,7 mGy.
Signifikante Risikoerhöhung mit steigender Strahlenexposition
Die Analyse zeigt einen klaren, dosisabhängigen Anstieg des Erkrankungsrisikos: Schon bei niedriger Strahlenexposition war das Risiko erhöht und stieg mit zunehmender Dosis weiter an.
- 1 bis < 5 mGy: Relatives Risiko (RR) 1,41 (95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,11–1,78)
- 15 bis < 20 mGy: RR 1,82 (95 %-KI 1,33–2,43)
- 50 bis < 100 mGy: RR 3,59 (95 %-KI 2,22–5,44)
Das zusätzliche relative Risiko für hämatologische Malignome lag bei 2,54 pro 100 mGy (95 %-KI 1,70–3,51; p < 0,001). Für eine kumulative Dosis von 30 mGy ergab sich ein relatives Risiko von 1,76 (95 %-KI 1,51–2,05).
Rund 10 % der hämatologischen Malignome durch Strahlenexposition erklärbar
Neben den individuellen Risiken wurde auch der bevölkerungsbezogene Anteil strahlenbedingter Fälle berechnet. In dieser Kohorte ließen sich rund 10,1 % (95 %-KI 5,8–14,2) der hämatologischen Krebserkrankungen auf Strahlenexposition durch medizinische Bildgebung zurückführen. Bei Kindern mit einer kumulativen Dosis von mindestens 30 mGy (Durchschnitt 57 mGy) wurden bis zum 21. Lebensjahr zusätzlich 25,6 Fälle pro 10.000 Kinder beobachtet.
Fazit: Strahlenexposition erhöht Risiko – sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung notwendig
Die Untersuchung zeigt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Strahlenexposition aus diagnostischer Bildgebung und dem Blutkrebsrisiko im Kindes- und Jugendalter.
„Diese Studie liefert robuste, direkt beobachtete Evidenz für einen klaren Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Strahlung durch medizinische Bildgebung und dem Risiko hämatologischer Malignome bei Kindern und Jugendlichen“, sagte Diana Miglioretti, Ph.D., Professorin an der UC Davis Health und Leiterin der Abteilung für Biostatistik. „Für Kliniker ist es entscheidend, den unmittelbaren Nutzen der Bildgebung gegenüber potenziellen langfristigen Gesundheitsrisiken abzuwägen und Bildgebungsprotokolle so zu optimieren, dass die Strahlenbelastung minimiert wird.“








