Gefährliche Asymptomatik
Als retinale Manifestation einer starken Hypertriglyzeridämie stellt die Lipaemia retinalis einen Risikofaktor für schwere Komplikationen dar, darunter koronare Herzkrankheit und akute Pankreatitis. Da sich Lipaemia retinalis klinisch häufig asymptomatisch präsentiert, kann sie leicht unentdeckt bleiben, was das Potenzial zur Verhinderung ihrer lebensbedrohlichen Folgen mindert.
Pathophysiologisch ist das Entstehen von Lipaemia retinalis primär auf genetische Ursachen zurückzuführen. Zu diesen zählen das Vorhandensein von endogenen zirkulierenden Lipoproteinlipase-Inhibitoren, einem Mangel an Lipoproteinlipase und einem Mangel an Apoprotein der Lipoproteinlipase. Als sekundäre Ursachen, lassen sich beispielsweise unkontrollierter Typ-1- oder Typ-2-Diabetes, endokrine Störungen, Medikamente und Schwangerschaft ausmachen.
Schlecht eingestellter Diabetes und seine Folgen
Im erwähnten Fallbericht stellte sich Mann in seinen 60ern zu einer routinemäßigen Netzhautuntersuchung im Rahmen seiner Diabetes Mellitus Typ 2-Erkrankung vor. Er äußerte keine ophthalmologischen Beschwerden, fühlte sich jedoch kurzatmig und erschöpft.
Die Spaltlampenuntersuchung führte allerdings zur Entdeckung einer diffusen milchig-weißen Verfärbung der Netzhautgefäße in beiden Augen. In der bildgebenden Untersuchung stellten sich abnorme weißliche Gefäße und vergrößerte, hyperreflektierende Lumen dar. Auch die Blutuntersuchung des Patienten war auffällig. So waren sein kapillarer Blutzucker sowie der HbA1c-Wert stark erhöht und gesteigerte Cholesterin- und Triglyzeridspiegel zu beobachten.
Das klinische Bild suggerierte die Diagnose einer sekundären Lipaemia retinalis bedingt durch unkontrollierten Typ-2-Diabetes.
Bei Diabetes mellitus ist die Aktivität der Lipoproteinlipase, dem Enzym, welches für die Aufspaltung der Triglyceride verantwortlich ist, abhängig vom Insulinspiegel gemindert. Bei einem Patienten mit Diabetes und Insulinmangel, ist die Aktivität der Lipoproteinlipase verringert, was zu mangelndem Abbau von Triglyceriden und somit Hypertriglyceridämie führt.
Behandlungserfolg mit strikter Therapie
Der Behandlungsplan umfasste eine strikte Kontrolle des Diabetes, einschließlich einer Insulintherapie und einer fettreduzierten Diät für eine Woche.
In den folgenden Monaten verbesserten sich die systemischen Symptome des Patienten, sein HbA1c-Wert sank auf 8,5% ab und in der funduskopischen Untersuchung zeigte sich, dass seine Blutgefäße wieder zu ihrem Ausgangszustand zurückgekehrt waren.
Trotz der erfolgreichen Behandlung der Lipaemia retinalis verstarb der Patient neun Monate später an den Folgen einer ischämischen Herzerkrankung.
Anstieg von Lipaemia retinalis Fällen zu erwarten
Trotz der Seltenheit von Lipaemia retinalis ist zukünftig mit einem Anstieg der Fälle zu rechnen. Faktoren wie die zunehmenden Prävalenz von Fettleibigkeit, von der bis zum Jahr 2030 voraussichtlich 51% der Bevölkerung betroffen sein werden, und die Herausforderungen der COVID-19-Pandemie, die eine angemessene Blutzuckerkontrolle für viele Menschen mit Diabetes erschwert haben, könnten dazu beitragen. Betroffene Patienten sind vulnerabler für die Entstehung von Lipaemia retinalis und mögliche schwerwiegende Komplikationen.
In diesem Kontext kommt Augenärzten eine entscheidende Rolle zu: Sie haben die Möglichkeit, eine asymptomatische Lipaemia retinalis zu diagnostizieren und eine notwendige Behandlung einzuleiten, die lebensrettende Folgen haben kann.








