Die ADHS zählt zu den häufigsten neuroentwicklungsbedingten Störungen im Kindesalter. Typische Symptome sind Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsprobleme und Impulsivität. Frühzeitige Erkennung und Behandlung sind entscheidend, da unbehandelte Symptome zu schulischen, sozialen und emotionalen Problemen führen können.
Klinische Leitlinien, etwa der American Academy of Pediatrics (AAP), empfehlen bei Kindern von vier bis fünf Jahren primär evidenzbasierte verhaltenstherapeutische Maßnahmen. Eine medikamentöse Behandlung soll erst erfolgen, wenn verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht ausreichend wirksam sind. Mehrere Studien haben jedoch gezeigt, dass in der Praxis häufig früher medikamentös behandelt wird, als es den Empfehlungen entspricht.
Multizentrische Kohortenstudie mit über 700.000 Vorschulkindern
Eine in 'JAMA Network Open' publizierte retrospektive Kohortenstudie wurde an acht großen pädiatrischen Gesundheitssystemen in den USA durchgeführt. Eingeschlossen waren 712.478 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren, die zwischen 2016 und 2023 mindestens zweimal in der Primärversorgung vorstellig wurden.
Primäre Endpunkte waren:
- die Rate der ADHS-Diagnosen,
- die Rate der Verordnung von Stimulanzien und Nicht-Stimulanzien vor dem siebten Lebensjahr sowie
- die Zeitspanne zwischen erster ADHS-Diagnose und Medikation.
Berücksichtigt wurden zudem demografische und klinische Faktoren wie Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Versicherungsstatus und das Vorliegen von Komorbiditäten.
Unterschiedliche Diagnoseraten nach Geschlecht, Herkunft und Versicherungsstatus
Von den eingeschlossenen Kindern erhielten 9.708 (1,4 %) im Alter von vier bis fünf Jahren eine ADHS-Diagnose. Das mediane Alter bei Erstdiagnose betrug 5,3 Jahre. Jungen waren mit einem Anteil von 76,4 % deutlich häufiger betroffen. Die Diagnoseraten variierten nach ethnischer Zugehörigkeit: Kinder hispanischer, schwarzer und asiatischer Herkunft wurden seltener diagnostiziert als weiße Kinder. Zudem zeigten sich Unterschiede in Abhängigkeit vom Versicherungsstatus.
Medikationsbeginn häufig binnen 30 Tagen nach Diagnose
Von den diagnostizierten Kindern erhielten 68,2 % vor dem siebten Geburtstag eine ADHS-Medikation. Besonders auffällig: 42,2 % wurden bereits innerhalb von 30 Tagen nach der ersten dokumentierten Diagnose behandelt. Zwischen den einzelnen Institutionen variierte dieser Anteil erheblich (26 % bis 49 %).
Ein höheres Alter innerhalb der untersuchten Altersgruppe, männliches Geschlecht und eine öffentliche Krankenversicherung waren mit einer frühen Medikation assoziiert. Kinder aus minorisierten Gruppen wurden signifikant seltener rasch medikamentös behandelt als ihre weißen Altersgenossen.
Fazit: Frühe Medikation bleibt häufige Praxis im Vorschulalter
Die Studie verdeutlicht, dass Vorschulkinder mit ADHS in den USA häufig frühzeitig medikamentös behandelt werden – vielfach bereits unmittelbar nach Diagnosestellung und damit entgegen den Leitlinienempfehlungen, die zunächst eine mindestens sechsmonatige verhaltenstherapeutische Intervention empfehlen.









