Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) hat seine aktuellen Forderungen zur Stärkung der Kindergesundheit in einer Pressemitteilung veröffentlicht. Darin ruft der Verband die Politik dazu auf, Gesundheit als strukturellen Bestandteil des schulischen Alltags zu verankern. Schulen und Kindertagesstätten sollen zu Orten der systematischen Gesundheitsförderung weiterentwickelt werden.
Gesundheitskompetenz als schulischer Auftrag
Der BVKJ betont, dass Gesundheitsförderung und Prävention strukturell im Bildungssystem verankert werden müssen. Schulen sind zentrale Orte, um Gesundheitskompetenz dauerhaft zu verankern und niedrigschwellige Unterstützung zu bieten. Dazu gehört auch ein eigenes Schulfach Gesundheit, das Kindern und Jugendlichen Kompetenzen im Umgang mit Krankheit, Prävention und gesundheitsrelevantem Verhalten vermittelt.
Ergänzend dazu sollen Schulgesundheitsfachkräfte eingeführt werden, um die schulische Gesundheitsversorgung zu stärken und den Aufbau gesundheitsbezogener Strukturen zu unterstützen. International sind sogenannte School Nurses seit vielen Jahren etabliert. In Deutschland sind sie jedoch aktuell nur in Modellprojekten vorhanden.
Schulgesundheitsfachkräfte: Schnittpunkt zwischen Medizin und Schule
Schulgesundheitsfachkräfte fungieren im Schulalltag als zentrale Ansprechpersonen bei akuten Erkrankungen und Verletzungen. Sie leisten erste Hilfe, beurteilen Symptome und übernehmen delegierbare medizinische Tätigkeiten. Dazu gehören die Beratung von Schülern, Lehrkräften und Eltern, Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung und Bewegung sowie die Begleitung chronisch kranker Kinder.
Besonders betont wird die Entlastung von Lehrkräften und Familien. Viele alltägliche Beschwerden wie Kopfschmerzen benötigen lediglich eine kurze Erholung, Orientierung und fachlich kompetente Betreuung. Schulgesundheitsfachkräfte ermöglichen hier schnelle Unterstützung und eine strukturierte Rückkehr in den Unterricht.
Versorgungsrelevanz für vulnerable Gruppen
Ein entscheidender Vorteil dieses Berufsprofils liegt darüber hinaus in seiner universellen Erreichbarkeit. Der Zugang zu medizinischen Leistungen hängt oft von der sozialen Lage und der familiären Versorgung ab. Schulgesundheitsfachkräfte erreichen hingegen alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen. Für Kinder aus belasteten Lebensverhältnissen oder Familien mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz können sie eine wichtige niedrigschwellige Anlaufstelle darstellen. Bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Asthma unterstützen sie Therapiepläne, fördern die Selbstwirksamkeit der Kinder und tragen dazu bei, gesundheitliche Krisen frühzeitig zu erkennen.
Abgrenzung zu ärztlichen Leistungen und Delegationsprinzip
Wesentlich ist die klare Abgrenzung zum ärztlichen Tätigkeitsbereich. Schulgesundheitsfachkräfte ersetzen keine Diagnostik oder Therapie durch Kinder- und Jugendärzte. Sie übernehmen delegierte Aufgaben und arbeiten eng mit pädiatrischen Praxen zusammen. Dazu zählen das Monitoring von Symptomen, die Begleitung von Kindern mit Notfallmedikationen, die strukturierte Umsetzung individueller Gesundheitspläne sowie die Koordination von Kommunikationsprozessen zwischen Schule, Eltern und medizinischen Versorgern. Durch diese strukturierte Delegation trägt der Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften zur Qualitätssicherung und Entlastung des Gesundheitssystems bei.
Notwendige Rahmenbedingungen und Finanzierung
Für eine bundesweite Einführung fordert der BVKJ verbindliche politische Entscheidungen. Im Mittelpunkt steht eine nachhaltige Finanzierung durch Länder und Kommunen, damit Schulgesundheitsfachkräfte dauerhaft und flächendeckend eingesetzt werden können. Zudem seien eine einheitliche Definition sowie ein rechtlich geschützter Berufstitel erforderlich, um Qualifikation, Qualität und Verlässlichkeit zu gewährleisten. Die bisherigen Modellprojekte zeigen, dass das Konzept funktioniert, jedoch ohne strukturelle Absicherung und klare Verantwortlichkeiten nicht flächendeckend etabliert werden kann.
Bedeutung für das Bildungssystem
Die Implementierung von Schulgesundheitsfachkräften bietet sowohl medizinische als auch pädagogische Vorteile. Lehrkräfte werden in gesundheitlichen Fragen entlastet und können sich stärker auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren. Gleichzeitig entsteht ein qualifiziertes Bindeglied zwischen Gesundheitswesen und Bildungseinrichtungen. Die Kombination aus Früherkennung, Beratung, Prävention und kontinuierlicher Begleitung kann die Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern nachhaltig verbessern.
Wissenschaftlicher Diskurs und politische Handlung nötig
Am 21. November 2025 fand an der Evangelischen Hochschule Darmstadt ein bundesweiter Fachtag zu Schulgesundheitsfachkräften statt. Der BVKJ war als Kooperationspartner beteiligt. In Vorträgen und Workshops wurde das Berufsbild sowohl wissenschaftlich als auch praxisnah beleuchtet. Dr. Anke Steuerer stellte aus pädiatrischer Sicht die Bedeutung der engen Zusammenarbeit zwischen Schulgesundheitsfachkräften und der kinderärztlichen Versorgung dar. Die Veranstaltung setzte wichtige Impulse für die bundesweite Implementierung und betonte die Notwendigkeit qualitätsgesicherter Strukturen in der schulischen Gesundheitsförderung.










