Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: Forderung nach genereller Grippeimpfung für Kinder

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht in einer generellen Grippeschutzimpfung für Kinder sowohl einen individuellen als auch einen gesellschaftlichen Nutzen in der Influenza-Bekämpfung und distanziert sich dabei von den aktuellen Einschätzungen der STIKO.

Mädchen Impfung Kinderarzt

Mit dem Beginn der Influenza-Saison in Deutschland hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Stellung bezogen und eine deutliche Forderung erhoben: Die Grippeimpfung solle nicht länger nur für Kinder mit Risikofaktoren empfohlen werden, sondern für alle Kinder. Diese Empfehlung steht im Gegensatz zur bisherigen Position der Ständigen Impfkommission (STIKO), die die Influenza-Impfung bislang nur für Kinder mit speziellen Risikofaktoren befürwortet.

Krankheitslast für die Gesamtbevölkerung verringern

BVKJ-Präsident Michael Hubmann unterstreicht die Notwendigkeit, die Ausbreitung des Grippevirus zu kontrollieren und die Krankheitslast für die gesamte Bevölkerung zu reduzieren. Er betont, dass selbst gesunde Kinder häufig Überträger der Viren sind und somit eine potenzielle Gefahr für vulnerable Gruppen darstellen können. Angesichts der befürchteten Intensität der aktuellen Grippewelle in Deutschland unterstreicht Hubmann die Bedeutung einer großzügigen Grippeimpfung.

Corona-Nachwirkungen als erschwerender Faktor

Die Aussichten auf eine schwere Grippewelle werden durch einen Blick auf die Situation auf der Südhalbkugel deutlich. In Australien verzeichnete man im Sommer 2023 eine bedeutsame Grippewelle mit hohen Infektionszahlen, insbesondere bei Kindern bis neun Jahre. Fachleute sehen einen möglichen Zusammenhang mit den Kontaktbeschränkungen während der vorangegangenen Corona-Pandemie, die zu einer verminderten Immunität gegenüber Influenzaviren bei Kindern geführt haben könnte.

Diese Nachwirkungen sind auch in Deutschland zu beobachten. Die bisherigen Daten zeigen vor allem eine Betroffenheit von Kindern im Schul- und jungen Erwachsenenalter. Die Zahl der gemeldeten Fälle beläuft sich auf rund 16.600 seit Oktober.

Expertenmeinungen über Chancen und Risiken

Um einen umfassenden Einblick in die Thematik zu erhalten, hat das Science Media Center Germany (SMC) drei Experten zu den Argumenten für und gegen eine generelle Empfehlung der Grippeimpfung für Kinder befragt. Das SMC ist eine unabhängige Organisation, die als Vermittler zwischen Wissenschaftlern und Medien fungiert. Die folgenden Aussagen stammen aus einer aktuellen Pressemitteilung des SMC und spiegeln die Unsicherheit über den Verlauf der aktuellen Grippewelle wider.

Immunitätslücken und mögliche schwere Verläufe

Prof. Dr. Folke Brinkmann, Leiter der Sektion Pädiatrische Pneumologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, betont die potenzielle Immunitätslücke bei Kindern aufgrund der während der Pandemie geltenden Kontaktbeschränkungen. Er sieht in einer großzügigen Impfung von Kindern in diesem Jahr sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Vorteile, insbesondere vor dem Hintergrund des Pflegenotstands und des Ärztemangels.

Auch Prof. Dr. Markus Rose, ärztlicher Direktor der Pädiatrischen Pneumologie, Allergologie und Mukoviszidose am Olgahospital, Klinikum Stuttgart, sieht die Influenza als weltweite Bedrohung für die Gesundheit von Kindern, die zunehmend auch schwere Krankheitsverläufe erleiden. Aufgrund des späten Beginns der Grippesaison sieht er derzeit die Chance, noch möglichst viele Menschen gegen Influenza zu impfen und empfiehlt die Impfung für alle Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. Vierfach-Grippeimpfstoffe, insbesondere als Nasenspray für Kinder, könnten dabei eine attraktive Option sein. Nur durch eine flächendeckende Impfung könne eine Herdenimmunität erreicht werden, um auch diejenigen zu schützen, die nicht geimpft werden können, so Rose.

Verfügbare Impfstoffe nicht ausreichend wirksam

Im Gegensatz dazu weist Prof. Dr. Fred Zepp, ehemaliger Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsmedizin Mainz und Mitglied der STIKO, auf die Herausforderungen bei der Zusammensetzung der Grippeimpfstoffe hin. Jedes Jahr müssen diese Impfstoffe aufgrund der sich ändernden Virusstrukturen angepasst werden. Die Wirksamkeit der Grippeimpfung bei Kindern liegt laut Zepp im Durchschnitt zwischen null und 60 Prozent, was derzeit lediglich eine Empfehlung für chronisch kranke Kinder rechtfertige.

Zusätzlich betont er, dass ältere Menschen die Möglichkeit haben, sich selbst durch Impfung zu schützen. Jedoch wird die von der STIKO empfohlene Grippeschutzimpfung für Menschen über 60 Jahren nur von etwa 30 bis 40 Prozent wahrgenommen, was auf unzureichendes Schutzverhalten zurückzuführen sei. Die aktuelle Situation mit den verfügbaren Impfstoffen für Kinder sei nach Zepps Meinung nicht ausreichend, um eine allgemeine Empfehlung auszusprechen.

Abwägung zwischen individuellem und gesellschaftlichem Nutzen

Die Diskussion um die Grippeimpfung für Kinder spiegelt die Unsicherheit in Bezug auf die Entwicklung der aktuellen Grippewelle wider. Die Forderung des BVKJ, alle Kinder zu impfen, setzt sich mit dem Ziel auseinander, nicht nur individuellen Schutz zu bieten, sondern auch die Verbreitung des Virus in der Gesamtbevölkerung einzudämmen. Die Debatte verdeutlicht zudem die Herausforderungen bei der Entwicklung wirksamer Impfstoffe für Kinder sowie die Bedeutung von Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Immunität gegenüber saisonalen Krankheiten.

Autor:
Stand:
18.01.2024
Quelle:

Science Media Center Germany (SMC), Pressemeldung, 10. Januar 2024

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