Covid-19 verläuft bei unter 18-Jährigen zumeist mild, oft entwickeln sie nach einer SARS-CoV-2-Infektion gar keine Symptome. Einige Kinder und Jugendliche müssen jedoch wegen schwerer Covid-Verläufe oder eines multisystemischen Entzündungssyndroms (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children [MIS-C]) hospitalisiert werden. Diese Patienten weisen bei der Entlassung aus dem Krankenhaus häufiger neurokognitive und/oder funktionelle Komplikationen auf als bisher angenommen. Das zeigt eine aktuelle Studie eines internationalen Konsortiums, deren Ergebnisse in 'JAMA Network Open' veröffentlicht wurden [1].
Neurokognitive Auswirkungen nach SARS-CoV-2-Infektion
Erste Berichte aus China zeigten schon früh, dass etwa ein Drittel der Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen neurologische Symptome aufwies. Daraufhin gründeten Neurologen aus den USA und England im Jahr 2020 das „Global Consortium Study of Neurological Dysfunction in COVID-19“ (GCS-NeuroCOVID). Heute umfasst das Konsortium Mediziner aus zehn Ländern (ohne deutsche Beteiligung). Zunächst schienen nur Erwachsene betroffen zu sein, doch bald wurden neurologische Komplikationen auch bei Kindern beobachtet. Dr. Conall Francoeur vom McGill University Health Center in Montreal hat unlängst mit Kollegen des GCS-NeuroCOVID Daten von mehr als 3.500 hospitalisierten pädiatrischen Patienten ausgewertet, um das Ausmaß und die Art dieser Komplikationen zu untersuchen.
Daten von mehr als 3.500 pädiatrischen Covid-19-Patienten ausgewertet
Die prospektive Kohortenstudie umfasste 3.568 Patienten unter 18 Jahren (mittleres Alter acht Jahre, 54,3% männlich), die zwischen dem 2. Januar 2020 und dem 31. Juli 2021 wegen einer akuten SARS-CoV-2-Infektion oder eines multisystemischen Entzündungssyndroms (83,5 % bzw. 16,5%) hospitalisiert werden mussten. Von diesen hatten 83,5% (2.980 Patienten) eine schwere Covid-19-Erkrankung und 16,5% (588 Patienten) ein MIS-C. Der primäre Endpunkt der Studie war eine neue neurokognitive und/oder funktionelle Morbidität bei Krankenhausentlassung.
Vergleich der neurologischen Folgen
Von den 2.980 Covid-19-Patienten entwickelten 536 (18,0%) neurologische Symptome. Am häufigsten beobachtet wurden eine akute Enzephalopathie (61,9%), Konvulsionen oder ein Status epilepticus (40,7%) sowie Delirium und Koma (jeweils 7,5%).
Bei den 588 MIS-C-Patienten wiesen 146 (24,8%) schwere neurologische Manifestationen auf. Diese umfassten eine akute Enzephalopathie (76,0%), Delirium (11,6%), Störungen des autonomen Nervensystems (10,9%) und Krampfanfälle oder ein Status epilepticus (9,6%).
Pädiatrische Covid-19-Patienten mit schweren neurologischen Komplikationen hatten bei der Krankenhausentlassung eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für neue neurokognitive oder funktionelle Störungen im Vergleich zu Patienten ohne neurologische Manifestationen (27,7% [n=142] gegenüber 14,6% [n=356], p<0,001).
Bei Überlebenden von MIS-C zeigten 28,0% (n=39) derjenigen mit schweren neurologischen Komplikationen bei der Krankenhausentlassung neue neurokognitive und/oder funktionelle Störungen, verglichen mit 15,5% (n=68) derjenigen ohne schwere neurologische Manifestationen (p=0,002).
Erhöhtes Sterberisiko bei neurologischen Störungen
Kinder, die bereits vor der SARS-CoV-2-Infektion an neurologischen Erkrankungen litten, waren besonders gefährdet, neurokognitive und/oder funktionelle Komplikationen zu entwickeln (Odds Ratio [OR] 2,18; 95%-Konfidenzintervall [95%-KI] 1,22–3,89). Zudem erhöhten neurologische Störungen das Sterberisiko. Von den Covid-19-Patienten mit neurologischen Manifestationen starben 4,8% (n=24) im Krankenhaus, verglichen mit 0,3% (n=7) der Patienten ohne neurologische Störungen. Bei MIS-C betrugen die Sterberaten 4,9% (n=7) gegenüber 0,5% (n=2).
Thrombozytenrückgang als Indikator für neuronale Schäden?
Die Ursachen der neurologischen Komplikationen sind bisher nicht vollständig geklärt. Auffällig war jedoch, dass viele Patienten mit neurologischen Symptomen einen Rückgang der Thrombozytenzahl (allerdings nicht bis zur Schwelle der Thrombozytopenie). Dieser Abfall könnte ein Warnzeichen für drohende neuronale Schäden darstellen, so das Experten-Team.
Screening und frühzeitige Intervention bei schwerem Covid-19 und MIS-C
Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mit schwerem Covid-19 oder MIS-C und schweren neurologischen Manifestationen ein erhöhtes Risiko für langfristige neurologische Beeinträchtigungen haben. Ihre Genesung könnte möglicherweise durch ein Screening und mit einer frühzeitigen Intervention unterstützt werden, überlegt das Konsortium.









