Bremen. Trotz geltender gesetzlicher Vorgaben fehlt vielen Kindern in Deutschland weiterhin der vollständige Impfschutz gegen Masern. Das geht aus einer aktuellen Auswertung der hkk Krankenkasse, der Handelskrankenkasse, hervor. Demnach waren zum Jahresende 2024 fast 13 Prozent der bei der hkk versicherten zweijährigen Kinder nicht vollständig gegen Masern geimpft. Bei den vier- und sechsjährigen Kindern lag der Anteil der unvollständig Geimpften bei rund 8 Prozent.
Impflücken bei einem erheblichen Teil der Kinder unter sechs Jahren
Die hkk bezieht sich bei ihrer Analyse auf Daten von Kindern, die seit ihrer Geburt durchgehend bei der hkk versichert sind. Bewertet wurde der Impfstatus am Stichtag 31. Dezember 2024. Dabei wurde geprüft, ob die von der STIKO empfohlenen zwei Masernimpfungen erfolgt waren: die erste zwischen elf und 23 Monaten, die zweite ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr. Die Ergebnisse zeigen, dass ein erheblicher Teil der Kinder bis zu ihrem zweiten Geburtstag noch nicht ausreichend geschützt ist. Auch im Alter von vier und sechs Jahren bleiben bei vielen weiterhin Impflücken bestehen.
Masernschutzgesetz schreibt vollständigen Schutz bis zum sechsten Lebensjahr vor
Die Zahlen stehen in deutlichem Widerspruch zum Ziel des im März 2020 in Kraft getretenen Masernschutzgesetzes. Dieses schreibt vor, dass Kinder beim Eintritt in Kindertagesstätten oder Schulen einen vollständigen Impfnachweis oder eine ärztliche Bestätigung über eine durchgemachte Masernerkrankung vorlegen müssen. Die Daten der hkk werfen daher die Frage auf, wie konsequent die gesetzliche Regelung in der Praxis tatsächlich umgesetzt wird – und welche Faktoren zu den anhaltenden Impflücken beitragen.
Nach Angaben der hkk lassen sich die Lücken nicht allein durch Impfskepsis erklären. Vielmehr könnten auch organisatorische Gründe, wie verpasste Vorsorgetermine oder Unsicherheit über den Impfstatus, eine Rolle spielen. Auch eine unzureichende Kontrolle durch die zuständigen Einrichtungen könnte dazu beitragen, dass ungeimpfte Kinder weiterhin Einrichtungen besuchen, obwohl dies dem Gesetz widerspricht.
RKI gibt Masern-Impfquote mit 93 Prozent der Gesamtbevölkerung an
Dr. Cornelius Erbe, Leiter des Versorgungsmanagements der hkk, bezeichnet die Ergebnisse der Analyse als besorgniserregend. Masern seien keine harmlose Kinderkrankheit, sondern könnten schwerwiegende Komplikationen verursachen. Der vollständige Impfschutz sei ein Beitrag zur öffentlichen Gesundheit.
WHO: Zahl der Infektionen in Europa wie seit 30 Jahren nicht mehr
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass mindestens 95 Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft sein müssen, um Ausbrüche zuverlässig zu verhindern. In Deutschland liegt die Impfquote laut Robert Koch-Institut (RKI) derzeit im Durchschnitt bei etwa 93 Prozent. Die hkk-Daten legen nahe, dass dieser Wert in bestimmten Altersgruppen deutlich unterschritten wird.
Die hkk-Zahlen gewinnen vor dem Hintergrund der aktuellen Infektionszahlen an Brisanz. Für Europa meldet die Weltgesundheitsorganisation (WHO-Angaben) mehr als 127.000 Masernfälle im vergangenen Jahr. Das ist die höchste Zahl seit fast drei Jahrzehnten. Auch in Deutschland ist die Zahl der registrierten Fälle gestiegen: 785 Masernerkrankungen wurden für das Jahr 2024 gemeldet, im ersten Halbjahr 2025 bereits 209 weitere. Das Robert Koch-Institut warnt vor der wachsenden Gefahr lokaler Ausbrüche, insbesondere in Regionen mit geringer Durchimpfungsrate. Gleichzeitig mahnen WHO und die Kinderschutzorganisation UNICEF, dass globale Impfprogramme durch Budgetkürzungen und Desinformation gefährdet sind.
hkk: Masernschutz strenger kontrollieren und Impfangebote besser kommunizieren
Die hkk sieht hier dringenden Handlungsbedarf. Die Kasse plädiert für die konsequente Durchsetzung der bestehenden Vorschriften, mehr Aufklärung über den Impfschutz und niedrigschwellige Impfangebote. Denkbar sind auch digitale Erinnerungsdienste, mit denen Eltern frühzeitig an ausstehende Impfungen erinnert werden könnten.









