UNICEF und WHO: Globale Impfprogramme für Kinder sind gefährdet

UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) melden einen leichten Anstieg der globalen Impfquoten gegen gefährliche Kinderkrankheiten. Doch im Jahr 2024 erhielten 14,3 Millionen Kinder 2024 keinerlei Impfschutz. Besorgniserregend: Angesichts wachsender Krisen und sinkender Mittel sind Impfprogramme gefährdet.

Impfung Junge Afrika

Berlin. Die Zahl der weltweit geimpften Kinder ist im Jahr 2024 leicht gestiegen. Das geht aus aktuellen Erhebungen von UNICEF und Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor. Dennoch warnen die beiden Organisationen: Der Fortschritt sei fragil, die Zukunft ungewiss. Das Ziel, Impfstoffe global gerecht zu verteilen und Gesundheitsversorgung flächendeckend sicherzustellen, drohe nach wie vor zu scheitern.

109 Millionen Kinder weltweit mit vollständiger DTP-Immunisierung

Nach Angaben der Organisationen konnten 2024 mehr Kinder als im Vorjahr durch Impfprogramme gegen Krankheiten wie Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP) geschützt werden, doch mehr als 14 Millionen Kleinkinder blieben gänzlich ungeimpft. Weltweit hätten 89 Prozent der Kleinkinder im vergangenen Jahr mindestens eine Dosis des DTP-Impfstoffs erhalten. Das entspricht etwa 115 Millionen Kindern. Rund 85 Prozent oder 109 Millionen Kinder erhielten die empfohlene Dreifachimpfung vollständig. Damit wurden etwa eine Million Kinder mehr vollständig geimpft als noch im Vorjahr, und rund 171.000 Kinder mehr erhielten zumindest eine Impfdosis. Auch bei anderen Impfprogrammen wie dem Schutz vor Masern oder dem humanen Papillomavirus (HPV) zeige sich ein Aufwärtstrend. 

UNICEF und WHO: Ziel der Immunisierungsagenda 2030 in weite Ferne gerückt

Trotz dieser Fortschritte blieben die Zahlen hinter den internationalen Zielen zurück. Das gelte vor allem in ärmeren und krisengebeutelten Regionen der Welt. Besonders alarmierend sei, dass mehr als 14,3 Millionen Kinder im Jahr 2024 gänzlich ungeimpft blieben („Zero-Dose-Kinder“). Sie stellen die vulnerabelste Gruppe dar und leben zum Großteil in Ländern, die von Konflikten, Instabilität und schwachen Gesundheitssystemen geprägt sind. UNICEF und WHO weisen darauf hin, dass die Zahl dieser Kinder nicht sinke, sondern im Vergleich zu 2019 sogar um etwa 1,4 Millionen gestiegen sei. Damit sei auch das Ziel der Immunisierungsagenda 2030 in weite Ferne gerückt, die eine deutliche Verringerung solcher Impflücken vorsieht.

Zahl der Zero-Dose-Kinder seit 2019 um 50 Prozent auf 5,4 Millionen gestiegen

Ein Viertel aller Kinder mit unzureichendem Impfschutz lebt nach Angaben von UNICEF und WHO in nur 26 fragilen Ländern, die besonders unter humanitären Notlagen leiden. In diesen Staaten sei die Zahl der Zero-Dose-Kinder in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: von rund 3,6 Millionen im Jahr 2019 um 50 Prozent auf etwa 5,4 Millionen im Jahr 2024. Krisen, bewaffnete Konflikte, Vertreibungen und der Zusammenbruch staatlicher Strukturen verhindern hier systematisch eine funktionierende Gesundheitsversorgung und damit auch Impfungen.

Doch auch in Ländern mit stabilen Strukturen sei die Entwicklung teils rückläufig. So habe sich in 47 Ländern die Impfquote in den vergangenen fünf Jahren nicht verbessert oder sogar verschlechtert. Darunter sind auch 22 Staaten, die 2019 noch eine Erstimpfungsquote von über 90 Prozent erreicht hatten. 

Masern: Unzureichende Impfquoten | Zahl der Ausbrüche 2023 verdoppelt

Bei Masern liegt die Impfquote nach Angaben von UNICEF und WHO weiterhin unter dem empfohlenen Schutzniveau von 95 Prozent. Demnach erhielten 84 Prozent der Kinder weltweit die erste Masernimpfung. Das sind zwei Millionen mehr als im Vorjahr (2023). Vollständigen Schutz durch eine zweite Dosis hätten aber nur 76 Prozent der Kinder. Die WHO mahnt, das zeige sich in der Praxis: Demnach hat sich die Zahl der Masernausbrüche 2023 fast verdoppelt.

Fortschritt bei HPV-Impfungen: weltweiter Abdeckungsgrad von 17 auf 31 Prozent gestiegen - damit nahezu verdoppelt

Als erfreuliche Entwicklung bewerten UNICEF und WHO den Fortschritt bei HPV-Impfungen: Hier sei erstmals ein weltweiter Abdeckungsgrad von 31 Prozent (2019: 17 Prozent) bei Mädchen erreicht worden. Die annähernde Verdopplung sei auf verstärkte nationale Programme, eine vereinfachte Dosierung und neue Lieferabkommen zurückzuführen. Dennoch bleibe auch hier noch ein weiter Weg zu flächendeckendem Schutz, vor allem in Regionen mit hoher Geburtenrate und geringem Zugang zu medizinischer Infrastruktur.

Impfkampagnen leiden unter rückläufigen Budgets und Desinformation in Social Media

Sorgen bereiten den Organisationen Konflikte, strukturelle Schwächen sowie sinkende internationale Hilfsgelder. Die globale Impfkampagne sei auf Spenden und staatliche Unterstützung angewiesen. Rückläufige Budgets gefährden demnach Programme. UNICEF und WHO mahnen, dass ein Rückschritt in der Finanzierung massive Folgen für einzelne Länder und die globale Gesundheitssicherheit berge. Zudem werde das Vertrauen in Impfkampagnen durch die Verbreitung von Falschinformationen in sozialen Netzwerken und die zunehmende Skepsis gegenüber wissenschaftlich geprüften Impfstoffen untergraben. Das zeige sich in sinkenden Teilnahmeraten an öffentlichen Impfangeboten. Um dem entgegenzuwirken, fordern UNICEF und WHO gezielte Aufklärungs- und Informationsstrategien. Besonders wichtig sei es, Eltern ohne moralischen Druck frühzeitig und verständlich aufzuklären.

In einer gemeinsamen Presseerklärung weist WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus darauf hin, dass jede verpasste Impfung nicht nur ein individuelles Risiko darstelle, sondern ein kollektives Problem. Denn Impfungen zählten zu den kosteneffektivsten Gesundheitsmaßnahmen: Ihre volle Wirkung entfalten sie aber nur, wenn möglichst viele Menschen geimpft sind. UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell resümiert: „Wir sehen Fortschritte, aber auch große Lücken. Millionen Kinder sind weiterhin ungeschützt. Wenn wir nicht gegensteuern, riskieren wir Rückschläge in jahrzehntelangen Bemühungen.“

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