Darmmikrobiota des Neugeborenen gut untersucht
Die Gesamtheit aller Bakterien, Viren, Pilze und anderer Mikroorganismen, die im Darm eines Menschen sowie auf dessen Haut, den Schleimhäuten und in der Lunge leben, spielt eine wesentliche Rolle unter anderem bei der Nährstoffverwertung, der Kolonisationsresistenz sowie der Ausbildung und Entwicklung des Immunsystems. Die mikrobielle Besiedlung dieser Nischen findet während und direkt nach der Geburt auf mehreren Wegen statt. Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich hauptsächlich auf die Darmmikrobiota des Säuglings und deren mögliche Quellen, darunter die Vagina, Muttermilch und die mütterliche Darmmikrobiota.
Mikrobiom von 120 Mutter-Kind-Paaren analysiert
Inwieweit auch Mikroorganismen aus Quellen wie z. B. Nase, Haut, Muttermilch oder Stuhl zur Besiedlung der kindlichen Nischen beitragen, war Forschungsgegenstand der von Debby Bogaert und Team vom University Medical Center Utrecht in den Niederlanden durchgeführten Studie [1]. Hierfür entnahmen die Wissenschaftler den Müttern kurz vor und bis zu einen Monat nach der Geburt Proben aus dem Nasen-Rachen-Raum, dem Speichel, der Muttermilch, der Haut, dem Vaginalsekret und aus dem Stuhl. Bei den Neugeborenen fertigten sie hingegen Abstriche vom Nasen-Rachenraum, Speichel, der Haut und aus Stuhlproben an. Damit erweitert die niederländische Studie die Untersuchung von Pamela Ferretti von der University of Trento aus dem Jahr 2018 [2], in die nur vaginal geborene Babys einbezogen worden waren.
Übertragung bei Kaiserschnitt-Kindern erfolgt über Muttermilch
Insgesamt untersuchten Bogaert und Team so 2.453 Proben von 120 Mutter-Kind-Paaren (mediane Anzahl der Proben pro Mutter-Kind-Paar: 21). Sie fanden heraus, dass – unabhängig von der Entbindungsmethode – durchschnittlich 58,5% der Mikrobenzusammensetzung beim Säugling von der Mutter stammten. Die Mikrobenquelle allerdings unterschied sich je nachdem, ob das Neugeborene vaginal oder per Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickte: Während natürlich entbundene Babys Mikroorganismen aus dem Vaginal- und Darmsekret erhielten, bekamen Kinder nach einer Kaiserschnittgeburt mehr Mikroben über die Muttermilch übertragen.
Stillen und Kuscheln nach Kaiserschnitt besonders wichtig
„Die Studie liefert eine erste positive Nachricht, die wir den Frauen nach der Geburt tatsächlich auch immer mitgeben: viel Kuscheln, viel Stillen. Damit kann das fehlende erste Mikrobiom des Geburtskanals kompensiert werden. Und dafür liefert diese Studie nun auch wissenschaftliche Beweise,“ kommentiert Professor Dr. Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Würzburg, die niederländische Untersuchung [3]. Professor Dr. Bernhard Resch, Stellvertretender Leiter der klinischen Abteilung für Neonatologie und Forschungseinheit für neonatale Infektionserkrankungen und Epidemioloigie von der Medizinischen Universität Graz ergänzt: „Damit wird die besonders bei akuter Gefährdung des Kindes notwendige Kaiserschnittgeburt wieder in das rechte Licht gerückt. Umso mehr muss nach Kaiserschnitt das Stillen unterstützt und gefördert werden“ [3].
Auflösung der Mikrobiom-Studie begrenzt
Eine der Stärken der gut geplanten niederländischen Studie ist das breite Spektrum der untersuchten Nischen, in die auch viele Proben mit geringer Dichte (z. B. Haut-, Nasopharynx- und frühkindliche Stuhlproben) einbezogen wurden. „Methodisch ist jedoch die verwendete Technik problematisch,“ gibt Mireia Valles-Colomer, Wissenschaftlerin am Computational Metagenomics Lab-CIBIO der University of Trento zu bedenken und erklärt: „Die Autoren haben nur einen Teil des 16S-Gens der Bakterien sequenziert, anstatt ganze Genome zu sequenzieren, wie es bei anderen Übertragungsstudien bisher der Fall war. Daher ist die erzielte Auflösung begrenzt, und es ist nicht möglich, eindeutig von einer Übertragung zu sprechen“ [3].










