Seit der Pandemie ist der weltweite Umsatz mit Haushaltsreinigern um 70 % gestiegen, berichtete Professor Dr. Sara de Matteis von der Abteilung für Arbeits- und Umweltmedizin der Universität Turin. Die Liste der potenziell gesundheitsgefährdenden Stoffe in den Reinigungsmitteln ist lang und umfasst beispielsweise verschiedene Säuren oder Formaldehyd.
Schwierige Bewertung
Das von den Reinigungsmitteln ausgehende Risiko lässt sich nur schwer bewerten, erklärte de Matteis: In Sicherheitsdatenblättern und auf dem Etikett müssen nur Stoffe aufgelistet werden, die eine Konzentration von mehr als 1 % erreichen. Zudem unterliegen viele Inhaltsstoffe und Formulierungen dem Herstellergeheimnis. Die Zusammensetzung der Putzmittel ändert sich ständig. Grenzwerte für einzelne Stoffe gibt es nicht.
Partikelbelastung steigt
Es sind nicht nur volatile Substanzen aus den Putzmitteln, die ein Risiko darstellen können. Die Verwendung der Reinigungsprodukte erhöht auch die Partikelbelastung in der Raumluft. Das ist bedeutsam, weil immer mehr Sprühreiniger verwendet werden. Die Konzentration ultrafeiner Partikel (UFP) kann dabei ähnlich hoch sein wie bei Passivrauchen oder beim Heizen mit Holz, berichtete de Matteis. UFP gelangen besonders leicht in die kleinen Atemwege und können systemische Effekte haben.
Berufskrankheit Reinigungsmittel-Asthma?
Vor allem professionelle Reinigungskräfte sind betroffen. Arbeitsmedizinische Studien weisen auf Atemwegseffekte durch die besonders hohe Intensität und Häufigkeit der Exposition mit den Reinigungsmitteln hin. Eine Metaanalyse ergab, dass das Risiko für asthmatische Symptome bei beruflicher Exposition gegenüber Reinigungsmitteln um 50 % erhöht ist.
Nach einer Auswertung der UK-Biobank-Kohorte haben Reinigungskräfte gegenüber Büroangestellten ein fast doppelt so hohes COPD-Risiko, wenn sie in der Industrie arbeiteten, und ein um 43 % erhöhtes COPD-Risiko, wenn sie im häuslichen Bereich als Reinigungskraft tätig waren. Das COPD-Risiko durch die Reinigungsmittelexposition war dabei unabhängig von vorbestehenden asthmatischen Symptomen oder Rauchen. In der Nurses‘ Health Study II zeigte sich bei US-amerikanischen Krankenschwestern eine signifikante Assoziation von Desinfektionsmittelexposition und COPD und explizit auch von der Verwendung von Sprühprodukten und COPD. Die Risikoerhöhung lag mit jeweils etwa 40 % gegenüber keiner beruflichen Exposition mit Desinfektionsmitteln ähnlich hoch wie in der Studie aus Großbritannien.
Verdächtige Inhaltsstoffe
Mehrere biologische Mechanismen werden diskutiert. Als potenziell allergieauslösend gelten insbesondere Chloramine, quartäre Ammoniumsalze, Amine, Glutaraldehyd, Duftstoffe und Enzyme, die in den Reinigungsmitteln enthalten sind. Irritativ wirken wahrscheinlich Chlor, Aceton oder Alkohole. Auch neurogene Mechanismen, beispielsweise durch die Aktivierung von transienten Rezeptorpotenzial-Kanälen in afferenten Nervenendigungen der Atemwege durch Hypochlorid ausgelöst, werden angenommen.
Unterschätztes Risiko
De Matteis ist überzeugt, dass Reinigungsmittel weltweit eine völlig unterschätzte Quelle für die Luftverschmutzung in Innenräumen sind. Sie forderte eine Eliminierung beziehungsweise einen Ersatz der gefährlichsten Inhaltsstoffe und eine Expositionskontrolle. Zum Schutz vulnerabler Gruppen wie Kindern und älteren Menschen sollten Expositionsgrenzwerte etabliert werden. Beruflich tätige Reinigungskräfte sollten über sichere Arbeitsweisen aufgeklärt und regelmäßig geschult werden. Häufig werden Reinigungsmittel nicht wie empfohlen verdünnt oder entgegen der Sicherheitsvorschriften kombiniert. Für Privathaushalte empfahl sie eine Rückkehr zu einfachen, traditionellen Reinigungsmitteln und den Verzicht auf Sprays. „Grüne“ Produkte allein helfen nicht, erklärte sie. Auch bei diesen Produkten ist die Deklaration der Inhaltsstoffe häufig unvollständig.









