Der Wechsel zu treibmittelfreien Inhalatoren könnte den CO₂-Ausstoß in der Atemwegstherapie erheblich senken. Das zeigt eine neue Analyse, die Forschende der RWTH Aachen gemeinsam mit dem Deutschen Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) durchgeführt haben. Die Studie erschien im Fachjournal BMJ Open Respiratory Research und liefert erstmals eine umfassende Bilanz des CO₂-Fußabdrucks von Inhalatoren in Deutschland zwischen 2013 und 2022.
Treibgas-Inhalatoren dominieren weiterhin
Inhalatoren gehören zu den wichtigsten Medikamenten bei Asthma und COPD. Doch die meisten Druckgasinhalatoren (pMDI) enthalten Hydrofluorkohlenwasserstoffe (HFCs) als Treibmittel und das sind Substanzen mit enormem Treibhauspotenzial. Das bisher am häufigsten eingesetzte Treibgas 1,1,1,2-Tetrafluoroethan (HFC-134a) weist ein 1.430-fach höheres globales Erwärmungspotenzial als CO₂ auf. Bei 1,1,1,2,3,3,3-Heptafluorpropan (HFC-227ea) ist es sogar über 3.200-fach so hoch. Pulverinhalatoren (Dry Powder Inhalers, DPI) und Soft-Mist-Inhalatoren (SMI) kommen dagegen ohne Treibgas aus. Sie werden in der Studie unter dem Sammelbegriff Non-Propellant Inhalers (NPI) geführt.
Anstieg des CO₂-Fußabdrucks
Die Forscher analysierten die Verordnungen zulasten der gesetzlichen Krankenkassen, die rund 90 % der Bevölkerung abdecken. Zwischen 2013 und 2022 stieg die Gesamtzahl der abgegebenen Inhalationsdosen um 14 %, ebenso der CO₂-Fußabdruck. Er stieg von 459 kt CO₂-Äquivalenten (2013) auf 525 kt CO₂-Äquivalente (2022).
Mehr als 95 % dieser Emissionen stammen aus pMDIs. Ihr Anteil an den verordneten Tagesdosen blieb in Deutschland weitgehend konstant. Während Pulverinhalatoren leicht zurückgingen (-8 %punkte), nahm der Anteil der SMIs zu, allerdings von niedrigem Niveau aus. Insgesamt sank der Anteil klimafreundlicher NPIs von 55 % auf 52 %.
Szenarien zeigen Einsparpotenzial
In einem Modell errechneten die Wissenschaftler, dass sich der jährliche CO₂-Ausstoß um 288 kt CO₂-Äquivalente – also um 55 % – senken ließe, wenn 85 % der verordneten Inhalatoren bei 10- bis 79-Jährigen treibmittelfrei wären. Zum Vergleich entspricht diese Reduktion laut der Studie:
- dem Verzicht auf Fleischkonsum durch rund 500.000 Menschen
- der Nutzung klimaneutraler Verkehrsmittel durch 134.000 Personen oder
- der jährlichen CO₂-Speicherung von 100.000 Hektar Wald
Schon der Ersatz der besonders klimaschädlichen HFC-227ea-Inhalatoren durch NPIs würde den CO₂-Ausstoß um 40 kt CO₂-Äquivalente pro Jahr reduzieren.
Deutschland im europäischen Vergleich im Mittelfeld
In Ländern wie Schweden oder Japan ist der Anteil der Druckgasinhalatoren deutlich geringer (13 bzw. 23 %). Dort ist der Ausstoß bereits niedriger. In Großbritannien hingegen liegt der pMDI-Anteil bei 70 % mit entsprechend hohem Einsparpotenzial. Deutschland liegt mit knapp der Hälfte treibmittelbetriebener Inhalatoren im europäischen Mittelfeld.
Klimabewusstes Verschreiben möglich und machbar
Die Autoren betonen, dass ein Wechsel auf Pulver- oder Soft-Mist-Inhalatoren keine klinischen Nachteile für die meisten Patienten mit Asthma oder COPD bedeutet. Nur bei sehr jungen oder hochbetagten Patienten sowie in akuten Exazerbationen können pMDIs mit Spacer weiterhin sinnvoll sein. Die Ergebnisse zeigen, dass eine klimafreundlichere Verschreibungspraxis machbar ist. Auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) hat 2024 ihre Leitlinie zur klimabewussten Verordnung von Inhalativa aktualisiert.
Nachhaltigkeit als Aufgabe des Gesundheitswesens
Laut der Studie verursacht der Gesundheitssektor etwa 6 % der nationalen Treibhausgasemissionen. Der größte Teil entfällt auf die Arzneimittelversorgung. Entsprechend fordern die Autoren gezielte politische und ärztliche Maßnahmen, um Nachhaltigkeit in der Verordnungspraxis zu verankern.
Zusätzliche Informationsmaterialien und Praxisbeispiele zum Thema Klimaschutz in der Apotheke stellt die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf ihrer Internetseite sowie im statistischen Jahrbuch „Die Apotheke: Zahlen, Daten, Fakten 2025“ bereit.








