Das Zeitfenster für eine klimaresiliente Zukunft schließt sich, sagte Professor Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Fachärztin für Dermatologie und Leiterin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin der Universität Augsburg, anlässlich des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in Mannheim. Sie wies darauf hin, dass Europa der Welt bereits voraus ist: Unser Kontinent erwärmt sich besonders schnell und die 1,5-Grad-Grenze ist hier längst überschritten.
Gesundheitsgefahr und ökonomische Last
Kürzlich hat sich sogar das Weltwirtschaftsforum mit den Folgen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit beschäftigt. Postuliert werden bis 2050 14,5 Millionen Tote durch die Folgen von Extremwetterereignissen, Waldbränden und den Meeresspiegelanstieg. Das wird die Gesundheitssysteme extrem belasten und es wird mit wirtschaftlichen Verlusten von 12,5 Billionen Dollar gerechnet. Die Lungengesundheit gefährden insbesondere Überschwemmungen, Hitzewellen, tropische Stürme sowie Wald- und Flächenbrände.
Pathophysiologische Zusammenhänge
Viele Gesundheitsfolgen von Umweltbelastungen sind nicht nur als Assoziationen beschrieben, sondern auch pathophysiologisch erklärt, betonte Traidl-Hoffmann. Sie nannte als Beispiel, dass die Verkehrsbelastung mit einem erhöhen Risiko für die Entwicklung eines atopischen Ekzems bei Kindern assoziiert ist. Eine wichtige pathophysiologische Ursache ist, dass die Dieselrußpartikel Fillagrin herunter regulieren. „Da besteht ein kausaler Zusammenhang“, sagte sie.
Die Einflüsse einer schlechten Luftqualität – ob durch Verkehr, Waldbrände oder anderem – beginnen schon pränatal, betonte sie. Luftschadstoffe triggern die Inflammation. Effekte von Umweltfaktoren auf die Gesundheit basieren auch häufig auf dem epigenetischen Ein- und Ausschalten von Genen. Diese Veränderungen sind sogar vererbbar.
Klimawandel und Pollenallergien
Die Erwärmung hat in Europa bereits zu deutlichen Änderungen bei allergenen Pflanzen und Pollen geführt. Die Pollenflugzeit ist verlängert – erste Haselpollen fliegen schon im Dezember, die letzten Kräuterpollen im November, berichtete Traidl-Hoffmann. Es werden mehr Pollen freigesetzt. Zudem sind sie Pollen aggressiver. Nicht nur die Erderwärmung, auch Schadstoffe erhöhen die Pollenkonzentration und den Allergengehalt von Pollen. Zudem wandern Pflanzen ein, die neue Pollenallergene mitbringen, zum Beispiel das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia).
Hitze wird unterschätzt
Hitze wird als Gesundheitsgefahr von vielen Menschen unterschätzt, ist Traidl-Hoffmanns Eindruck. Das gilt gerade auch für Menschen mit chronischen Lungenkrankheiten. Die Zahl der hitzebedingten Todesfälle im heißen Jahr 2018 wurde in Deutschland auf 8.700 geschätzt. Besonders deutlich steigt die kardiovaskuläre und respiratorisch bedingte Mortalität bei Hitze. Für die respiratorische Mortalität ergibt sich pro Grad Erwärmung in Städten ein Anstieg um etwa 2,3%. „Wir sind auf diese Hitzeauswirkungen nicht vorbereitet“, meinte Traidl-Hoffmann.
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Aktuell wird geschätzt, dass der Gesundheitssektor in Deutschland für mehr als 5% der nationalen Treibhausgase verantwortlich ist und entsprechend deutlich zum Klimawandel beiträgt. Die Dermatologin und Allergologin plädierte daher dafür, als Ärztin oder Arzt den Planetary-Health-Ansatz zu beherzigen und den Klimaschutz als Gesundheitsschutz zu verstehen. Dass Maßnahmen eine Bedrohung verändern können, hat der Bann der Fluorkohlenwasserstoffe gezeigt: Seitdem hat sich das Ozonloch, das in den 1980er Jahren als große Bedrohung erkannt wurde, zunehmend wieder geschlossen. Ein Glückwunsch ging an die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie für die Erstellung einer Leitlinie zur klimabewussten Verordnung von Inhalativa. Die S2k-Leitlinie wurde im Januar 2024 aktualisiert.








