SOFA-2: Nach 30 Jahren umfassend modernisierter Score für die Intensivmedizin

Nach drei Jahrzehnten wurde das SOFA-System umfassend überarbeitet. Die neue SOFA-2-Version bildet moderne Diagnostik, Monitoring und Organunterstützung präziser ab.

Intensivstation

Die systematische Erfassung akuter Organdysfunktionen ist ein zentrales Element der Intensivmedizin – insbesondere in der Pneumologie, in der respiratorische Insuffizienzen und Sepsis häufige Gründe für eine intensivmedizinische Behandlung sind. Der ursprünglich 1996 eingeführte SOFA-Score gehört zu den weltweit am häufigsten eingesetzten Instrumenten zur quantitativen Beschreibung des Schweregrads kritischer Erkrankungen.

Die intensivmedizinische Versorgung hat sich seit der Einführung des ursprünglichen Scores grundlegend verändert: Moderne Beatmungsmodalitäten wie High-Flow-Sauerstoff, differenzierte NIV- und invasive Ventilationsstrategien sowie extrakorporale Verfahren wie ECMO werden heute breit in der pneumologischen Intensivtherapie eingesetzt. Vor diesem Hintergrund hat ein internationales Forschungskonsortium unter Beteiligung von Expertengruppen aus neun Ländern eine umfassende Aktualisierung des Scores vorgenommen.

Die Ergebnisse erschienen im 'Journal of the American Medical Association (JAMA)'. Grundlage bildeten Daten aus insgesamt 3,34 Millionen intensivpflichtigen Erwachsenen, die zwischen 2014 und 2023 auf 1.319 Intensivstationen behandelt wurden.

Bedarf an einer zeitgemäßen Aktualisierung

Verschiedene Untersuchungen hatten zuvor aufgezeigt, dass der ursprüngliche SOFA-Score zentrale Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nicht mehr abbildet. Besonders deutlich zeigte sich dies im respiratorischen System, da neue Beatmungstechniken, aktualisierte Grenzwerte des Oxygenierungsmonitorings und moderne nichtinvasive Verfahren in der ursprünglichen Struktur nicht berücksichtigt waren. Die Bewertung kardiovaskulärer und renaler Dysfunktionen entsprach zunehmend nicht mehr der heutigen Therapielandschaft.

Die Forschungsgruppe strebte daher an, ein datengetriebenes, standardisiertes und international einsetzbares Instrument zu entwickeln, das moderne klinische Strategien präziser abbildet.

Mehrstufiger Entwicklungsweg kombiniert Expertenkonsens und internationale Datenanalysen

Der Entwicklungsprozess umfasste acht Stufen und kombinierte eine modifizierte Delphi-Methode (Stufen 1–5) mit umfangreichen Datenanalysen (Stufen 6–8). Für die Score-basierte Entwicklung wurden vier große multizentrische Kohorten mit 2.098.356 Patienten genutzt. Die externe Validierung erfolgte anhand von sechs Kohorten mit 1.241.114 Patienten. Primärer Endpunkt war die prädiktive Validität gegenüber der ICU-Mortalität, gemessen mittels AUROC-Analyse auf Basis der Werte des ersten ICU-Tages.

Modernisierte Score-Architektur mit klar definierten Parametern und erweiterten Kriterien

SOFA-2 besteht weiterhin aus den sechs etablierten Organsystemen – Gehirn, Atmung, Herz-Kreislauf, Leber, Niere und Hämostase – und bildet Organdysfunktionen erneut auf einer Skala von 0 bis 4 ab. Die Studie zeigt jedoch mehrere substanzielle Anpassungen:

Überarbeitung zentraler Organsysteme

  • Respiratorisch: Einführung des SpO₂/FiO₂-Quotienten, aktualisierte Grenzwerte, klare Definition „fortgeschrittener ventilatorischer Unterstützung“.
  • Kardiovaskulär: Präzisierte Einstufung kontinuierlicher Vasopressorinfusionen, differenzierte Bewertung verschiedener Substanzen und mechanischer Kreislaufunterstützung.
  • Renal: Überarbeitete Urinausscheidungskriterien; 4 Punkte werden vergeben bei Indikation oder Durchführung von Dialyse, inklusive chronischer Verfahren.

Modifikationen an Gehirn-, Leber- und Gerinnungsparametern führten zu angepassten Schwellenwerten an einzelnen Scorepunkten.

Prädiktive Validität und Patientenreklassifikation

SOFA-2 erreichte eine prädiktive Validität mit einem AUROC von 0,79 (95 % KI 0,76–0,81) und übertraf damit das ursprüngliche SOFA-1-Modell (0,77; 95 % KI 0,74–0,81). Dies galt konsistent über alle geografischen und sozioökonomischen Regionen hinweg.

Eine Reklassifikationsanalyse zeigte:

  • 49 % der Patienten hatten identische Gesamtwerte in SOFA-1 und SOFA-2.
  • 11 % erhielten höhere Werte nach SOFA-2 (assoziierte ICU-Mortalität: 13,5 %).
  • 40 % erhielten niedrigere Werte (assoziierte ICU-Mortalität: 8,6 %).

Zudem blieb die prädiktive Validität über die ersten sieben ICU-Tage stabil, unabhängig von der verwendeten Imputationsmethode für fehlende Werte.

SOFA-2 – Ein international validiertes Instrument zur zeitgemäßen Bewertung kritischer Erkrankungen

Der SOFA-2-Score bietet eine aktualisierte, empirisch fundierte und standardisierte Möglichkeit, Organdysfunktionen in der Intensivmedizin zu quantifizieren. In den Validierungsanalysen erwies sich das aktualisierte Modell als prädiktiv stabil und konsistent mit aktuellen intensivmedizinischen Versorgungsstrukturen.

Weitere Untersuchungen sollten klären, wie der Score in nicht-intensivmedizinischen Settings oder für alternative klinische Endpunkte eingesetzt werden kann, so die Studienautoren.

Autor:
Stand:
20.01.2026
Quelle:

Ranzani, O. T. et al. (2025): Development and Validation of the Sequential Organ Failure Assessment (SOFA)-2 Score. JAMA, DOI: 10.1001/jama.2025.20516.

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