Berlin. Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) offenbart das Ausmaß der psychischen Belastung von Ärztinnen und Ärzten in der Neurologie. Demnach berichtet mehr als die Hälfte der 493 befragten Mediziner von mindestens einem belastenden Erlebnis pro Monat. Bei 15 Prozent der Studienteilnehmer kommt es wöchentlich oder nahezu täglich zu traumatischen Situationen.
Die DGN wertet die Ergebnisse als Weckruf. Die Umfrage belege nicht nur Einzelfälle, sondern zeige systematische Belastungen im Fachgebiet. Während in anderen Berufen Fehlzeiten oder Überlastungen häufig durch organisatorische Anpassungen aufgefangen werden könnten, seien Ärzte im neurologischen Umfeld durch die hohe Verantwortung für Patientenleben in einer besonders kritischen Situation.
Burnout: Häufigkeit und Risikogruppen klar identifiziert
Ein zentrales Ergebnis der Befragung ist ein klarer Zusammenhang zwischen der Häufigkeit belastender Ereignisse und der Wahrscheinlichkeit, einen Burnout zu entwickeln. Statistisch ist diese Korrelation hochsignifikant (p < 0,001). Laut DGN besonders betroffen sind Ärzte in der Weiterbildung. Demnach geben jüngere Ärzte überdurchschnittlich oft an, sich überfordert zu fühlen. Sie berichten von Wissenslücken, unzureichenden praktischen Fertigkeiten, Überforderung durch hohes Patientenaufkommen oder dem Erleben von Beinahe-Fehlern.
Das schlägt sich in den Zahlen nieder: 27 Prozent der Befragten zeigten in den Burnout-Skalen Auffälligkeiten, die als Hinweise auf ein wahrscheinliches Burnout gewertet werden können. Für die DGN ist das ein ernstes Signal. Wenn bereits zu Beginn der Karriere so hohe Belastungswerte auftreten, gefährde das nicht nur die individuelle Gesundheit, sondern langfristig auch die Versorgungssicherheit in Deutschland.
Ein weiterer alarmierender Befund: 20 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Alkohol konsumieren, um die negativen Folgen der Überlastung zu verkraften. Neun Prozent der belasteten Befragten greifen sogar zu Medikamenten als dysfunktionaler Copingstrategie.
Ereignisse in Notaufnahmen und auf Intensivstationen besonders belastend
Die Umfrage zeigt, dass 85 Prozent der Ärzte in der Notaufnahme mit herausfordernden Ereignissen konfrontiert sind. 54 Prozent nennen die Intensivstation, 46 Prozent die regulären Stationen.
Die Ursachen sind vielfältig: In der Notaufnahme führt das hohe Patientenaufkommen regelmäßig zu Zeitdruck und Überforderung. Auf Intensivstationen ist es die unmittelbare Bedrohung des Lebens, die Ärzte psychisch belastet. Hinzu kommt das sogenannte Second-Victim-Phänomen, also die psychischen Folgen für Behandelnde, wenn Patienten schwer erkranken oder versterben. Auch Kommunikationsprobleme zwischen Abteilungen und organisatorische Defizite werden von vielen Befragten genannt.
Große Mehrheit der befragten Ärzte fühlt sich mit Problemen alleingelassen
Die DGN-Umfrage offenbart ferner einen Mangel an strukturierten Hilfen. So fühlen sich 69 Prozent der Befragten auf belastende Ereignisse nicht ausreichend vorbereitet. Nur 23 Prozent erlebten im konkreten Fall eine Supervision oder professionelle Begleitung.
Häufig bestehe die einzige Möglichkeit darin, belastende Erfahrungen im privaten Umfeld oder im Kollegenkreis zu besprechen. Eine systematische Unterstützung innerhalb der Klinik fehle vielerorts. Dabei sei gerade in Berufen mit hoher Verantwortung ein professionelles Debriefing durch Vorgesetzte oder geschultes Personal dringend notwendig. Nach Ansicht der DGN liegt hier ein strukturelles Versäumnis, das dringend behoben werden muss. „Dieses Problem ist ein systemisches, das über die Fächergrenzen hinausgeht und in anderen kritischen Berufen wie der Luftfahrt oder Organisationen mit Sicherheitsaufgaben so nicht vorstellbar ist“, so Dr. Johannes Piel, Sprecher der Jungen Neurologie und Erstautor der Studie.
DGN fordert strukturelle Veränderungen und mehr Resilienzförderung
Nach Einschätzung der DGN stehen die Ergebnisse aus der Neurologie stellvertretend für viele Fächer. Die Kombination aus hoher Arbeitsverdichtung, emotional belastenden Patientensituationen und fehlender institutioneller Begleitung sei ein Muster, das auch in anderen klinischen Bereichen anzutreffen sein dürfte. Lösungen zu finden, sei eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.
Piel und seine Kollegen fordern, Strukturen so zu verändern, dass psychische Belastungen nicht allein individuell verarbeitet werden müssen, sondern institutionell aufgefangen werden. Dazu gehörten feste Supervisionsangebote, verpflichtende Nachbesprechungen nach besonders belastenden Fällen sowie eine Fehler- und Ausbildungskultur, die Resilienz fördert.
Perspektive: Attraktivität des Berufs erhalten
Für die DGN ist klar: Der Erhalt der psychischen Gesundheit von Ärzten ist nicht nur eine Frage des Arbeitsschutzes, sondern eine Voraussetzung für die Patientenversorgung. Wenn junge Neurologen bereits in den ersten Jahren ein hohes Risiko für Burnout aufweisen, drohe ein Teufelskreis, in dem Überlastung zu krankheitsbedingten Ausfällen führt, die wiederum die Arbeitslast der verbleibenden Kollegen erhöht.










