Berlin. Experten aus Medizin, Forschung, Politik und Sozialversicherung fordern, die Gendermedizin in der Gesundheitsversorgung zu stärken. In einer Pressemitteilung zum Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2025 zeigen sie sich einig, dass eine Medizin nach dem Motto „One Size Fits All“ den komplexen, geschlechtsspezifischen Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten nicht mehr gerecht werde.
„Gendermedizin ist längst kein Nischenthema mehr, sondern gehört ins Zentrum der gesundheitspolitischen Agenda“, so Dr. Georg Kippels, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit. Dass dabei interdisziplinäres Arbeiten unerlässlich sei, betonte Dr. med. Katrin Schaudig, Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft: Hausärzte, Internisten und Fachärzte „müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen – gerade bei frauenspezifischen Themen wie der Menopause.“ Der Rückzug vieler Frauen aus dem Berufsleben aufgrund nicht oder falsch behandelter Wechseljahresbeschwerden sei alarmierend: Laut Schaudig gehen rund 20 Prozent der befragten Frauen ab 55 Jahren wegen Wechseljahressymptomen früher in Rente. Der daraus resultierende volkswirtschaftliche Schaden betrage rund 9,4 Milliarden Euro jährlich.
Herzinfarkt bei Frauen: Symptome oft fehlgedeutet – mit potenziell tödlichen Folgen
Dass die Ignoranz gegenüber geschlechtsspezifischen Unterschieden auch tödlich enden kann, verdeutlichte Prof. Dr. Michael Becker, Chefarzt für Kardiologie am Rhein-Maas-Klinikum: „Frauen sterben häufiger an Herzkrankheiten als Männer, weil ihre Symptome nicht erkannt oder falsch interpretiert werden.“ Statt die Anzeichen eines Infarkts ernst zu nehmen, würden bei Frauen häufig psychische Ursachen vermutet, etwa Panikattacken. Der Grund: Das klassische Symptombild des Herzinfarkts sei an männlichen Körpern orientiert.
Becker sieht hierin ein fundamentales Versagen: Er forderte eine fundierte ärztliche Ausbildung, die geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigt und eine stärkere Forschung zur weiblichen Physiologie.
Auch Männer werden übersehen: Beispiel Prostatavorsorge
Doch auch Männer bleiben oft unterversorgt. PD Dr. Tobias Jäger von der Urologischen Praxisklinik Essen machte deutlich, dass Männer oft erst sehr spät zur Prostatavorsorge erscheinen, obwohl 80 Prozent der 40- bis 50-Jährigen über die Möglichkeit der Früherkennung informiert seien. Tatsächlich ließen sich jedoch nur etwa 25 Prozent untersuchen. „Die Hemmschwelle ist hoch, vor allem wegen der gefürchteten Tastuntersuchung“, so Jäger. Dabei gebe es längst alternative Methoden wie den PSA-Test, der inzwischen als vorrangige Methode in den Leitlinien empfohlen wird.
BKK Dachverband plädiert für mehr Verantwortung von Betriebsärzten
Auch im Bereich der Versorgung und Zugänglichkeit wurden konkrete Forderungen formuliert. Stefanie Bosch vom BKK Dachverband sprach sich dafür aus, Betriebsärzten mehr Kompetenzen einzuräumen, etwa bei Überweisungen und Verordnungen. Dies könne insbesondere Männern helfen, leichter in Kontakt mit medizinischer Versorgung zu treten. Zudem plädierte sie für sektorübergreifende Primärversorgungszentren, in denen medizinische Fachdisziplinen zusammenarbeiten. „Eine gute Versorgung darf keine Frage des Geldbeutels sein“, so Bosch.
Studierende: Gendermedizin ins Medizinstudium aufnehmen
Ein zukunftsorientierter Ansatz kam von Juliana Kley, Vertreterin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd): Gendermedizin müsse als Querschnittsfach verpflichtender Bestandteil des Medizinstudiums werden. „Nur wenn künftige Ärztinnen und Ärzte bereits in der Ausbildung für die Relevanz geschlechtsspezifischer Unterschiede sensibilisiert werden, kann sich langfristig etwas ändern“, so Kley.
Gemeinsame Forderungen an Forschung, Politik und Praxis
Alle Diskutierenden waren sich einig: Eine moderne, gerechte Gesundheitsversorgung muss gendersensibel und interdisziplinär sein. Nur durch verstärkte Forschung, gute Ausbildung und politisches Handeln könne diese Vision Wirklichkeit werden. Um die angestrebten Veränderungen auch strukturell zu ermöglichen, formulierten die Experten mehrere politische Forderungen:
- Einführung einer angemessenen Honorierung für ärztliche Beratungen, etwa zur Menopause oder Prävention
- Stärkung der Primärversorgung und interdisziplinärer Zentren
- Mehr Kompetenzen für Betriebsärzte
- Bessere Zugänglichkeit zu bestimmten Medikamenten
- Erstellung eines umfassenden Männergesundheitsberichts durch die Bundesregierung analog zum bereits bestehenden Frauenbericht










