Bonn. Der freie Zugang zur Psychotherapie soll auch nach Einführung eines Primärarztsystems unbedingt erhalten bleiben. Dieser Forderung hat das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) mit einer Petition an den Bundestag Nachdruck verliehen. Die Petition „Erhalt des freien Zugangs zur Psychotherapie“ wurde nach Angaben der Initiatoren von mehr als 37.000 Menschen unterzeichnet. Im Petitionsausschuss sagte der DPNW-Vorstandsvorsitzende Dieter Adler, ein verpflichtender Besuch beim Haus- oder Kinderarzt vor Beginn einer Therapie würde einen zusätzlichen Engpass schaffen.
Die Petition des DPNW richtet sich gegen die Umsetzung des im aktuellen Koalitionsvertrag vorgesehenen Primärarztsystems. Dieses Modell sieht vor, dass gesetzlich Versicherte künftig zunächst ihren Haus- oder Kinderarzt aufsuchen müssen, bevor sie einen Psychotherapeuten konsultieren dürfen.
Psychotherapeuten wollen erste Anlaufstelle bei psychischen Beschwerden bleiben
In der Sitzung des Petitionsausschusses betonte der DPNW, dass Psychotherapeuten selbst die Rolle übernehmen könnten, die im geplanten Hausarztmodell vorgesehen sei – nämlich die als erste Anlaufstelle für Patienten mit psychischen Beschwerden. Der Verband machte auch deutlich, dass psychische Erkrankungen oft mit Hemmschwellen verbunden sind und Betroffene nur schwer Hilfe suchen. Eine zusätzliche ärztliche Zwischenstation könne dazu führen, dass Menschen mit akuten Problemen länger auf Unterstützung warten oder den Zugang zur Therapie gar nicht erst wahrnehmen.
Warnung: Primärarztsystem könnte notwendige Therapien unnötig verzögern
Zudem droht aus Sicht der Psychotherapeuten bei einer Verschärfung der Zugangsbedingungen eine Verschlechterung der Versorgungslage. Schon jetzt seien Wartezeiten in vielen Regionen erheblich. Eine zusätzliche Hürde durch ein verpflichtendes Primärarztsystem könne diesen Zustand weiter verschärfen. Hausärzte könnten als Gatekeeper verhindern, dass Patienten rechtzeitig in eine psychotherapeutische Behandlung gelangen. Besonders bei schweren Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgestörungen sei jedoch eine frühe und direkte Behandlung entscheidend für den Therapieerfolg.
Gleichzeitig betont der DPNW, dass seine Forderung sich nicht gegen Hausärzte richte. Es gehe vielmehr um den Erhalt einer möglichst niedrigen Zugangsschwelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Schon zuvor haben sich Psychotherapeutenverbände gegen die Einführung einer Primärarzt-Überweisung ausgesprochen. Sie warnen vor schlechterer Versorgung psychisch Erkrankter und fordern den Erhalt des etablierten Systems ohne hausärztliche Überweisungen. Einzelheiten dazu finden Sie hier: Verbände warnen: Primärarztsystem gefährdet direkten Zugang zur Psychotherapie.
Koalitionspläne zum Primärarztsystem
Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist die Einführung eines Primärarztsystems als Ziel vorgegeben. Im Petitionsausschuss erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Georg Kippels, das System befinde sich derzeit noch im Konzeptstadium. Dennoch sehen die Psychotherapeuten in dieser Planung ein Risiko: Wenn psychisch Erkrankte zunächst eine hausärztliche Beurteilung einholen müssten, könnte sich der Zugang zu einer Behandlung weiter verzögern.









