RKI-Studie: Kinder aus armutsgefährdeten Familien weiterhin besonders belastet

Laut RKI sind Kinder aus armutsgefährdeten Familien nach der Corona-Pandemie besonders stark von psychischen, physischen und sozialen Belastungen betroffen. Die KIDA-Studie verdeutlicht strukturelle Ungleichheiten und benennt gesundheitspolitischen Handlungsbedarf.

trauriges Kind

Meldung

Berlin. Junge Menschen aus armutsgefährdeten Haushalten sind körperlich und psychisch deutlich stärker belastet als Altersgenossen aus finanziell besseren Verhältnissen. Das ist die Kernaussage der Studie „Kindergesundheit in Deutschland aktuell“ (KIDA), deren Ergebnisse das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlicht hat. Die Studie offenbart mitunter gravierende Unterschiede.

Ungleichheiten haben sich nach der Pandemie deutlich verschärft

Konkret zeigen die Ergebnisse der KIDA-Befragung, dass Kinder und Jugendliche aus einkommensarmen Haushalten häufiger unter psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit leiden. Auch psychische Auffälligkeiten wie emotionale Probleme oder Konzentrationsschwierigkeiten wurden bei dieser Gruppe signifikant häufiger berichtet.

Ein weiterer Befund: Die subjektive Lebenszufriedenheit und das allgemeine Wohlbefinden der betroffenen Kinder und Jugendlichen sind ebenfalls deutlich geringer. Damit verschärfen sich Ungleichheiten, die bereits vor der Pandemie bestanden – nun allerdings mit langfristigen Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit junger Menschen.

Besonders betroffen: Alleinerziehende und bildungsferne Haushalte

Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen, von Alleinerziehenden oder Eltern mit niedrigem Bildungsstand waren laut RKI besonders stark betroffen. Bei ihnen traten deutlich häufiger gesundheitliche Einschränkungen – oft in Kombination mit erschwertem Zugang zu Hilfsangeboten.

Ein zentrales Problem: Trotz höherer Belastung nahmen betroffene Familien seltener Angebote wie Psychotherapie, Schulsozialarbeit oder Elternberatung in Anspruch. Gründe dafür sind neben fehlender Information auch strukturelle Barrieren wie lange Wartezeiten, Sprachhürden oder mangelnde Kinderbetreuung.

Experten fordern mehr und bessere Angebote für armutsbetroffene Kinder 

Die Studienautorinnen und -autoren fordern angesichts der Ergebnisse eine klare sozialpolitische Priorisierung armutsbetroffener Kinder. Zu den wichtigsten Empfehlungen zählen:

  1. Frühzeitige, niedrigschwellige Unterstützung: Insbesondere in Übergangsphasen wie beim Wechsel in die Grundschule oder auf weiterführende Schule brauche es verstärkte Förderangebote, unter anderem zu Sprachförderung, Entwicklungsdiagnostik und sozialpädagogischer Begleitung.
  2. Bessere psychotherapeutische Versorgung: Die Experten empfehlen, den Zugang zu Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche dringend auszubauen, insbesondere im ländlichen Raum. Wartezeiten von mehreren Monaten seien „gesundheitsgefährdend“.
  3. Sozialraumorientierte Präventionsnetzwerke: Kommunale Akteure wie Schulen, Gesundheitsämter, Jugendhilfe und freie Träger sollten stärker vernetzt arbeiten, etwa in Gesundheitsregionen und Familienzentren oder über das Programm „Frühe Hilfen“.
  4. Armutsprävention als Gesundheitsförderung: Langfristig müsse Armutsbekämpfung als Teil von Gesundheitspolitik verstanden werden. Eine gute materielle Versorgung sei Voraussetzung für seelische Stabilität und körperliche Entwicklung.

Elternarbeit und Familienbildung stärken: Neben den Kindern müssten auch Eltern besser erreicht werden. Die Experten-Empfehlungen beinhalten daher zum Beispiel kostenfreie Elterntrainings, kultursensible Beratung und finanzielle Entlastung für armutsgefährdete Haushalte.

Zur Methodik der KIDA-Studie

Die KIDA-Studie ist eine bundesweite telefonische Erhebung, die vom RKI seit 2022 fortgeschrieben wird. In der vorliegenden Fokusauswertung wurden Daten aus dem Zeitraum Februar 2022 bis Juni 2023 ausgewertet. Insgesamt wurden mehrere tausend Eltern von Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren befragt.

Die Auswahl der Befragten erfolgte zufällig über Festnetz- und Mobilfunknummern. Die Umfrage beinhaltete standardisierte Fragen zu Gesundheit, Verhalten, Alltag und Sozioökonomie. Ergänzt wurde die Elternbefragung durch gesundheitsbezogene Einschätzungen zum Kind – etwa zu emotionalem Wohlbefinden, Verhalten und Alltagsaktivitäten.

Die Datenerhebung erlaubt sowohl Querschnittsanalysen (aktuelle Zustände) als auch Vergleiche mit früheren Wellen aus Studien wie KiGGS (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland).

Zentrale Gesundheitsindikatoren der Studie

Die KIDA-Erhebung bewertete eine Vielzahl gesundheitlicher und psychosozialer Faktoren. Zu den wichtigsten Indikatoren zählen:

  • Psychosomatische Beschwerden: Häufigkeit von Bauch-, Kopf-, Rücken- oder Gliederschmerzen sowie Schlaf- und Essstörungen
  • Psychische Gesundheit: Messung emotionaler und verhaltensbezogener Auffälligkeiten (u. a. mit dem SDQ-Fragebogen – Strengths and Difficulties Questionnaire)
  • Subjektives Wohlbefinden und Lebensqualität: Einschätzung von Glücksempfinden, Zukunftsaussichten und Zufriedenheit im Alltag
  • Chronische Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen: Von den Eltern berichtete ärztliche Diagnosen oder Verdachtsmomente 
  • Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten: Nutzung von Frühförderung, Psychotherapie, schulischer oder sozialpädagogischer Unterstützung

In Kombination mit sozioökonomischen Daten wie Haushaltseinkommen, Bildungsniveau der Eltern und Haushaltsstruktur (z. B. Alleinerziehende) ergibt sich ein detailliertes Bild über die Auswirkungen von Armut auf die Kindergesundheit.

Autor:
Stand:
30.06.2025
Quelle:
  1. Robert-Koch-Institut: Armut und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zum Ende der COVID-19-Pandemie. Ergebnisse der KIDA-Studie, zuletzt abgerufen am 25. Juni
  2. Bundesgesundheitsministerium: „Kindergesundheit in Deutschland aktuell“ (KIDA) – Monitoring der Kindergesundheit in und nach der COVID-19-Pandemie, zuletzt abgerufen am 25. Juni
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