Gesundheitspflege in der Schule: Deutschland weit abgeschlagen

Obwohl ein Viertel aller Schüler chronisch krank ist, fehlt es in Deutschland an flächendeckender schulischer Gesundheitsbetreuung. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin fordert den systematischen Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften.

Schulgesundheitsfachkraft Schülerin

Berlin. Deutschland hinkt beim Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Während in Ländern wie Belgien und Skandinavien ausgebildete Gesundheitsfachkräfte längst zum Schulalltag gehören, ist die Präsenz von Gesundheitsfachkräften an deutschen Schulen die Ausnahme. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) in einer aktuellen Mitteilung hin und fordert den flächendeckenden Aufbau eines schulischen Gesundheitsdienstes.

In Belgien, einem Land mit rund 11,8 Millionen Einwohnern, kümmern sich laut DGSPJ bereits 3.300 ausgebildete Schulgesundheitsfachkräfte (SGFK) um Kinder und Jugendliche. In Deutschland dagegen sind es nur rund 150, verteilt auf vier Bundesländer und etwa zehn größere Städte. Diese Zahlen belegen aus Sicht der Fachgesellschaft einen massiven strukturellen Rückstand. Gerade angesichts steigender chronischer Erkrankungen und psychischer Belastungen bei Kindern ist dieser Missstand nicht länger hinnehmbar.

Chronisch kranke Kinder im schulischen Alltag oft ohne Unterstützung

Den Bedarf an Schulgesundheitskräften bewertet die DGSPJ als eindeutig: Etwa ein Viertel aller Schüler gelte als chronisch krank. Mehr als 30.000 Kinder leben demnach mit Diabetes. Dazu kommen zahlreiche Kinder mit Asthma, Epilepsie, Allergien, Tumorerkrankungen oder anderen komplexen Diagnosen. Diese Kinder benötigen nicht nur medizinische Betreuung, sondern auch pädagogische Unterstützung. Nur so können sie am Unterricht teilnehmen und im Schulalltag möglichst selbstständig agieren können. Für viele Eltern bedeutet das derzeit eine Doppelbelastung: Die Kinder müssen bei jeder Unsicherheit die Schule verlassen oder die Eltern ihre Kinder zu Hause betreuen.

Schulgesundheitsfachkräfte als zentrale Ansprechpartner im Schulalltag

In der Pressemitteilung berichtet die ausgebildete Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Nadine Haunsteter von ihrer Arbeit als Schulgesundheitsfachkraft. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen betreut sie etwa 1.800 Kinder und Jugendliche sowie rund 250 Lehrkräfte und Schulbeschäftigte an drei Schulen in Stuttgart. 

Im Alltag suchen die Schüler sie demnach nicht nur bei körperlichen Beschwerden auf, sondern auch bei psychischen Belastungen, Schulangst oder Problemen im familiären Umfeld. Oft verbirgt sich hinter Bauchschmerzen oder Schwindel mehr als ein medizinisches Symptom. Haunsteter beschreibt, wie Gespräche mit einer neutralen, erwachsenen Bezugsperson häufig bereits ausreichen, um Ängste zu lindern. „Wir sind keine Therapeuten“, sagt Haunsteter. Das Angebot der Gesundheitsfachkräfte schaffe aber Vertrauen und ermögliche frühzeitig Hilfe.

Bessere Teilhabe für chronisch kranke Schülerinnen und Schüler

Die Rolle von Schulgesundheitsfachkräften gehe weit über Akutversorgung hinaus. Besonders bei chronisch kranken Kindern trage sie wesentlich dazu bei, dass diese im Unterricht bleiben können. Im Fall von Diabetes etwa übernehmen die Fachkräfte regelmäßige Blutzuckerkontrollen, unterstützen bei der Insulingabe und beraten Lehrkräfte sowie Eltern zum Umgang mit der Erkrankung im Schulalltag. Ziel ist stets, so Haunsteter, eine möglichst weitreichende Teilhabe am schulischen Leben zu sichern – unter Wahrung der Selbstständigkeit der betroffenen Kinder.

Erste Auswertungen zeigen positive Effekte auf die gesamte Schulgemeinschaft

Auch das Schulpersonal profitiert: Erste Erhebungen aus Pilotprojekten zeigen nach Angaben der DGSPJ (siehe Quellen), dass 75 Prozent der befragten Lehrkräfte nach sechs Monaten mit einer Schulgesundheitsfachkraft eine verbesserte Gesundheitskompetenz der Schüler feststellen. 90 Prozent berichten demnach von Fortschritten bei der Früherkennung gesundheitlicher Probleme und 88 Prozent von einer besseren Betreuung chronisch kranker Kinder. Darüber hinaus sinke die Zahl von Notarzteinsätzen und Rettungsdienstanrufen in Schulen mit SGFK spürbar. 

Appell an Politik: Nicht mehr nur Pilotprojekte, sondern Strukturreform

Für die DGSPJ ist der Nutzen von Schulgesundheitsfachkräften für das Bildungssystem, die Gesundheitsversorgung und die soziale Teilhabe unbestritten. Der Verband bemängelt, dass die politische Entscheidung fehle, aus erfolgreichen Einzelprojekten bundesweit tragfähige Strukturen zu schaffen. Es gelte, die Tätigkeit von Schulgesundheitsfachkräften systematisch flächendeckend auszubauen und einheitlich zu finanzieren.

„Gesundheit und ihre Förderung muss zur Stärkung der Gesundheitskompetenz systemisch im Schulalltag verankert werden – für alle und damit auch für ein positiveres Bildungs-Outcome“, so DGSPJ-Präsidentin Heidrun Thaiss. Der Appell richtet sich an die Bildungspolitik auf Landesebene, aber auch an die Gesundheitspolitik auf Bundesebene. Nur in gemeinsamer Verantwortung könne ein modernes System entstehen, das schulische Gesundheitsförderung als integralen Bestandteil von Bildung versteht. Denn Schulen sind längst mehr als reine Lernorte, sondern soziale Lebensräume, in denen gesundheitliche Krisen nicht selten den schulischen Erfolg mitbestimmen.

Autor:
Stand:
25.07.2025
Quelle:
  1. Schulgesundheitspflege in Deutschland – massiver Nachholbedarf, PDF-Download, zuletzt abgerufen am 21. Juli 2025
  2. Schulgesundheitsfachkräfte flächendeckend etablieren – sie rechnen sich! PDF-Download, zuletzt abgerufen am 21. Juli 2025
     
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