Langzeitgebrauch von Antidepressiva erhöht Risiko für schwere Absetzsymptome

Eine britische Studie untersucht erstmals Entzugserscheinungen bei Patienten in der Primärversorgung. Die Ergebnisse verdeutlichen: Je länger Antidepressiva eingenommen werden, desto häufiger, schwerer und langwieriger sind die Absetzsymptome.

Nebenwirkung Medikament

Antidepressiva-Absetzsymptome als unterschätztes klinisches Problem

Der Einsatz von Antidepressiva zur Behandlung von Depressionen hat in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich zugenommen. Obwohl Antidepressiva als sicher gelten, häufen sich Hinweise darauf, dass insbesondere nach Langzeiteinnahme erhebliche Entzugserscheinungen auftreten können.

Was beeinflusst Absetzsymptome nach Antidepressiva-Stopp? 

Frühere, häufig von der Industrie gesponsorte Studien berichteten über milde und kurzzeitige Absetzsymptome. Neuere Metaanalysen und klinische Erfahrungsberichte legen jedoch nahe, dass das Risiko schwerer oder langanhaltender Symptome bislang unterschätzt wurde. Unklar blieb bislang, in welchem Ausmaß die Dauer der Einnahme Verlauf und Schwere der Absetzsymptome beeinflusst.

Untersuchung von Absetzsymptomen bei Patienten mit Depressionen

Eine Forschungsteam um Mark Horowitz vom NHS Foundation Trust (Großbritannien) führte eine Querschnittsstudie mit 310 Patienten (78 % Frauen, Durchschnittsalter 39 Jahre) der NHS-Talking-Therapy-Dienste durch, die bereits versucht hatten, Antidepressiva abzusetzen. Erfasst wurden Häufigkeit, Schwere und Dauer der Symptome sowie individuelle und medikationsbezogene Einflussfaktoren.

Häufige, teils langanhaltende Symptome nach Absetzen von Antidepressiva

Die Ergebnisse zeigten: 79 % der Befragten berichteten über Entzugserscheinungen, 45 % stuften diese als moderat bis schwer ein. 43 % erfüllten die Kriterien eines klar definierten Absetzsyndroms. Besonders relevant:

  • 20 % litten länger als drei Monate,
  • 10 % länger als ein Jahr unter Symptomen,
  • 38 % konnten die Medikation nicht vollständig beenden.

Zu den häufigsten Symptomen gehörten Kopfschmerzen, Schwindel, Depersonalisation und sogenannte „Brain Zaps“. Unter „Brain Zaps“ versteht man eine kurze Empfindung, die sich wie elektrische Schläge im Kopf anfühlt und oft nach dem Absetzen von Antidepressiva von den Betroffenen berichtet wird.

Zusammenhang zwischen Einnahmedauer und Absetzsymptomen

Es zeigte sich ein deutlicher, dosisunabhängiger, aber von der Therapiedauer abhängiger Effekt:

  • Nach < 6 Monaten berichteten 64 % über Entzugssymptome,
  • nach 7–24 Monaten 86 %,
  • nach > 24 Monaten 96 %.

Die Odds Ratio (OR) für das Auftreten eines Absetzsyndroms nach mehr als zwei Jahren Einnahme betrug 10,4 (95 % Konfidenzintervall [KI] 2,9–37,7) im Vergleich zu Kurzzeitanwendern. Auch die Wahrscheinlichkeit, die Medikation nicht absetzen zu können, war signifikant erhöht (OR 27,6; 95 %-KI 10,3–73,8).

Studie bestätigt: Langzeitanwendung von Antidepressiva führt eher zu Entzugssymptomen

Diese Ergebnisse übersteigen die Inzidenzraten früherer, kürzer angelegter Studien deutlich. Sie bestätigen Beobachtungen aus Patientensurveys, die bei Langzeitgebrauch eine höhere Prävalenz und Schwere von Entzugssymptomen fanden. 

Methodisch überzeugt die aktuelle Arbeit durch die Einbettung in ein Real-World-Setting und die Verwendung validierter Erhebungsinstrumente (modifizierte DESS [Discontinuation-Emergent Signs and Symptoms]-Checkliste). Limitationen der Studie sind unter anderem die geringe Anzahl an Studienteilnehmern und das Fehlen einer Placebo-Gruppe. 

Differenzierte Aufklärung über Absetzrisiken schon vor Therapiebeginn

Die aktuelle Studie unterstreicht die Notwendigkeit einer differenzierten Aufklärung über Absetzrisiken bereits vor Therapiebeginn. Bei Langzeitanwendern sollten ärztlich begleitete, sehr langsame Tapering-Protokolle implementiert werden. 

Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass Ärzte Rückfälle sorgfältig von Entzugssymptomen unterscheiden sollten. Auch die Entwicklung objektiverer diagnostischer Kriterien für Antidepressiva-Entzugssyndrome bleibt ein zentrales Forschungsthema.

Autoren fordern individualisierte Begleitung beim Absetzen von Antidepressiva

Die Arbeit von Horowitz et al. zeigt, dass Antidepressiva-Entzugserscheinungen häufiger und schwerwiegender sind, als bisher angenommen. Besonders die Langzeitanwendung erhöht das Risiko deutlich. Eine individualisierte, langsame Dosisreduktion und patientenzentrierte Aufklärung sind essenziell, um das Absetzen sicher zu gestalten.

Autor:
Stand:
10.11.2025
Quelle:

Horowitz et al. (2025): Antidepressant withdrawal effects and duration of use: a survey of patients enrolled in primary care psychotherapy services. Psychiatry Research, DOI: 10.1016/j.psychres.2025.116497.

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