Antidepressiva-Einnahme während der Schwangerschaft

Zu den häufigsten Erkrankungen während der Schwangerschaft gehören depressive Störungen. Wie sinnvoll ist die Behandlung mit Antidepressiva in diesem Zeitraum?Kann man das Risiko einer unbehandelten psychischen Erkrankung gegen die fetale Arzneimittelexposition abwägen?

Schwangere Depression

Behandlung mit Antidepressiva

Die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva ist bei der Therapie mittelschwerer bis starker affektiver Störungen eine fundamentale Behandlungsoption. Da diese Behandlung in den vielen Fällen in Form einer Erhaltungstherapie fortgeführt wird, ist es wichtig zu klären, wie die Therapie während der Schwangerschaft gestaltet werden kann.

Kohortenstudie in Dänemark und Norwegen

Für eine Kohortenstudie in Dänemark und Norwegen untersuchten die Forscher um Nhung Trinh die Registerdaten von mehr als 55.000 lebendgeborenen Einlingsschwangerschaften in den Jahren 1997-2018, bei denen die Mütter sechs Monate vor der Schwangerschaft mindestens ein Antidepressivum erhalten hatten.

Die häufigsten psychiatrischen Diagnosen neben Depressionen waren neurotische, somatoforme und stressbedingte Störungen. Ein besonderes Augenmerk wurde bei der Studie auf die Verabreichung von Psychopharmaka, das Auftreten psychiatrischer Notfälle und das Vorkommen von Selbstverletzung im ersten Jahr nach der Entbindung gelegt. Mit Hilfe der KmL-Methode (k-means for longitudinal data) wurde der Verlauf der Antidepressiva-Behandlung im Längsschnitt charakterisiert und die Studienpopulation in verschiedene Gruppen gegliedert.

Die Probandinnen wurden in folgende vier Gruppen eingeteilt:

  1. Die frühzeitigen Aussteigerinnen, die in den ersten sechs Monaten vor der Schwangerschaft weniger Antidepressiva einnahmen und sie währenddessen komplett absetzten.
  2. Die späten Aussteigerinnen (kurzfristige Anwenderinnen), die in den ersten sechs Monaten vor der Schwangerschaft die Antidepressiva-Einnahme begannen und die Medikamente im zweiten oder dritten Trimester der Schwangerschaft absetzten.
  3. Die späten Aussteigerinnen (zuvor stabile Anwenderinnen), die vor der Schwangerschaft durchgehend Antidepressiva einnahmen und sie erst im zweiten oder dritten Trimester wieder absetzten.
  4. Die kontinuierlichen Anwenderinnen, die die Behandlung mit Antidepressiva vor und während der Schwangerschaft dauerhaft durchführten.

Psychopharmakabehandlung, psychiatrische Notfälle & Selbstverletzung

Beim Vergleich der vier Gruppen konnten die Wissenschaftler folgende Unterschiede erkennen:

  • Frühzeitige und späte Aussteigerinnen (kurzfristige Anwenderinnen) hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit für die Behandlung mit Psycholeptika nach der Schwangerschaft als kontinuierliche Anwenderinnen.
  • Späte Aussteigerinnen (zuvor stabile Anwenderinnen) wiesen sogar eine Wahrscheinlichkeit von 13% für die Einnahme von Psycholeptika auf.

Bezüglich des Auftretens von psychiatrischen Notfällen nach Entbindung konnte man feststellen, dass frühzeitige und späte Aussteigerinnen (kurzfristige Anwenderinnen) ein geringeres Risiko aufwiesen als diejenigen der anderen beiden Patientengruppen, die sich hinsichtlich dieses Risikos untereinander nicht unterschieden. Im Hinblick auf das Risiko für Selbstverletzungen nach der Geburt konnte kein eindeutiger Unterschied zwischen den vier Patientengruppen beobachtet werden.

Bedeutung für die Therapie

Die Ergebnisse der Studie liefern keinen Hinweis darauf, dass das Absetzen von Antidepressiva vor oder während der Schwangerschaft negative psychiatrische Folgen für die Mutter nach der Geburt hat. Es lässt sich allerdings erkennen, dass der Zeitpunkt des Absetzens der medikamentösen Therapie relevant ist. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Frauen mit starken psychischen Erkrankungen, die zuvor auf eine stabile Behandlung angewiesen waren, von einer fortgesetzten Antidepressiva-Behandlung während der Schwangerschaft profitieren könnten. Eine individuelle Beratung über die Medikamenteneinnahme ist daher unverzichtbar.

 

Autor:
Stand:
06.04.2023
Quelle:

Trinh NTH, Munk-Olsen T, Wray NR, et al. Timing of Antidepressant Discontinuation During Pregnancy and Postpartum Psychiatric Outcomes in Denmark and Norway [published online ahead of print, 2023 Mar 8]. JAMA Psychiatry. 2023;e230041. doi:10.1001/jamapsychiatry.2023.0041

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