Schätzungen zufolge sind etwa 1 bis 2% der Weltbevölkerung im Laufe ihres Lebens von Bulimia nervosa betroffen. Bei dieser Essstörung kommt es zu wiederholter, übermäßiger Nahrungsaufnahme. Im Anschluss an einen solchen Essanfall versuchen die Betroffenen einer Gewichtszunahme vorzubeugen, indem sie Erbrechen auslösen oder Abführmittel einnehmen. Weitere kompensatorische Methoden der Gewichtskontrolle bei Bulimie sind strenge Diäten zwischen den Essanfällen sowie exzessiver Sport.
Die Erkrankung ist mit funktionellen Einschränkungen, reduziertem Wohlbefinden, erhöhter Sterblichkeit und hohen gesellschaftlichen Kosten verbunden.
Unterversorgung durch Therapieplatz-Mangel
Die evidenzbasierte Therapie der Bulimia nervosa umfasst eine spezifische kognitive Verhaltenstherapie, die sich mit den ätiologischen Schlüsselfaktoren der Essstörung befasst. Dazu gehören u.a. verzerrte Körperbilder, eine eingeschränkte Fähigkeit zur Emotionsregulation, geringes Selbstwertgefühl und zwischenmenschliche Probleme. Um alle Betroffenen adäquat versorgen zu können, fehlt es jedoch an Therapieplätzen.
Wissenschaftler der Universitäten Heidelberg und Osnabrück haben daher nun im Rahmen einer randomisierten klinischen Studie untersucht, ob eine Internet-basierte kognitive Verhaltensintervention die Symptome von Bulimia nervosa reduzieren und krankheitsbedingte Beeinträchtigungen positiv beeinflussen kann.
Teilnehmerrekrutierung und Studiendesign
Die Rekrutierung der Teilnehmer erfolgte über Werbung im Internet und in spezialisierten Zentren. Eingeschlossen wurden Deutsch sprechende Patienten mit Bulimia nervosa zwischen 18 und 65 Jahren, die Zugang zu einem Smartphone hatten und nach einem anfänglichen Auswahl-Screening in zwei Gruppen randomisiert wurden.
Während die Probanden der Kontrollgruppe keine Therapie erhielten, bekam die Interventionsgruppe Zugang zur Internetbasierten Selbsthilfeintervention der Firma Selfapy GmbH. Dieses Tool sollte für einen Zeitraum von zwölf Wochen genutzt werden und erhielt neben sechs Pflichtmodulen sechs weitere optionale Module.
Die Datenerhebung über spezifische Fragebögen fand zu drei Zeitpunkten statt: zu Beginn der Studie, nach sechs Wochen und am Ende der Intervention. Als primärer Endpunkt diente die Veränderung der Gesamtzahl der Essanfälle und kompensatorischen Verhaltensweisen innerhalb von 28 Tagen vor jeder Untersuchung. Sekundäre Endpunkte umfassten Veränderungen von globalen Essstörungssymptomen, klinischen Beeinträchtigungen, Wohlbefinden, Arbeitsfähigkeit, Komorbiditäten, Emotionsregulation und Selbstwertgefühl.
Signifikanter Rückgang der Essanfälle
Die Interventionsgruppe zeigte im Vergleich zur Kontrollgruppe einen signifikant stärkeren Rückgang der Essanfälle, jedoch keine Reduktion der kompensatorischen Verhaltensweisen. Auch bei der Veränderung globaler Essstörungssymptome und klinischer Beeinträchtigungen erzielte die Maßnahme bessere Ergebnisse. Für das Wohlbefinden und die Arbeitsfähigkeit wurden keine signifikanten Effekte festgestellt. Explorative Analysen deuteten darauf hin, dass die Intervention das Selbstwertgefühl und die Emotionsregulation verbessert, jedoch nicht die komorbiden Symptome.
Potenzial als Ergänzung etablierter Gesundheitsstrukturen
In Anbetracht der niedrigen Zugangsschwelle könnten Internet-basierte Selbsthilfe-Interventionen einen Weg zur Behandlung von Essstörungen für Patienten eröffnen, für die eine therapeutische Versorgung nicht oder nur nach langer Wartezeit verfügbar ist und so etablierte Versorgungstrukturen ergänzen.
Über den Langzeiterfolg der Intervention ist jedoch bisher nichts bekannt. Die Studie zeigte zudem, dass die Intervention die kompensatorischen Verhaltensweisen bei Bulimie, sowie komorbide Symptome und das allgemeine Wohlbefinden nur wenig beeinflussten.
Zukünftige Studien sollten nach Ansicht der Studienautoren deshalb prüfen, ob breiter gefächerte Angebote mehr Einfluss auf diese Aspekte haben, wobei z.B. Kombinationen der Internet-basierten Intervention mit Präsenzterminen oder mit Echtzeitinterventionen über mobile Geräte, denkbar seien.











