Chatbot ermöglicht Selbstüberweisung zur Psychotherapie

Ein Startup aus Großbritannien untersuchte, ob die Überweisung von Menschen mit psychischen Problemen zur Gesprächstherapie durch Einsatz eines Chatbots verbessert werden kann. Kann KI helfen, Versorgungslücken zu schließen und Versorgungsungleichheiten zu überwinden?

digitale Identität

Wir kennen es mittlerweile vermutlich alle. Man ist auf einer Webseite unterwegs und es öffnet sich ein kleines Fenster, in dem man zum Chat aufgefordert. Diese sogenannten Chatbots bieten Nutzern von Webseiten einen Dialog an und leisten Hilfestellung bei aufkommenden Fragen. Es handelt sich um textbasierte Dialogsysteme, welche das Chatten mit einem technischen System erlauben. In Großbritannien wurde nun der Einsatz eines Chatbots auf einer Plattform für psychische Erkrankungen getestet.

Kann KI Versorgungslücken schließen?

Weltweit ist fast jeder dritte Mensch (29%) von psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen betroffen. Durch die COVID-19-Pandemie sind die Zahlen noch weiter gestiegen. Eine Psychotherapie hilft Betroffenen, doch Versorgungsengpässe und Versorgungsungleichheit sorgen dafür, dass ein Therapieplatz bisweilen schwer zu bekommen ist. Ob künstliche Intelligenz (KI) helfen kann, Versorgungslücken zu schließen und Versorgungsungleichheiten zu überwinden, untersuchte eine aktuelle Studie. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Medicine unter Erstautorin Johanna Habicht, Naturwissenschaftlerin beim Startup „Limbic“ in London, publiziert [1]. Beteiligt war auch Prof. Dr. Tobias Hauser vom Universitätsklinikum Tübingen.

Integration von Chatbot in Online-Angebote des NHS

In Großbritannien können sich Betroffene über das „Talking Therapies National Program“ selbst an verschiedene Arten der Gesprächstherapie überweisen, ohne dass eine Überweisung vom Hausarzt an einen Facharzt nötig ist. Der vom Startup entwickelte Chatbot „Limbic Access“ soll diesen Prozess in den Online-Diensten des National Health Systems (NHS) vereinfachen. Ob sich diese Hypothese im praktischen Einsatz bewährt, war Gegenstand der Untersuchung von Habicht und Kollegen.

Mehr Selbstüberweisungen zur Gesprächstherapie durch Chatbot

Insgesamt gingen die Daten von 129.400 Personen in die Auswertung mit ein. Die Betroffenen nutzen zu gleichen Teilen entweder die klassischen NHS-Dienste wie Web-Formulare oder den Chatbot zur Selbstüberweisung für insgesamt 28 unterschiedliche NHS-Gesprächstherapie-Angebote. Mithilfe der KI, die hinter dem Chatbot steht, reagiert dieser empathisch auf Anfragen, leitet die Nutzer basierend auf ihren Antworten durch verschiedene Fragebögen und unterstützt sie im Prozess der Selbstüberweisung. Die Ergebnisse zeigen 15% mehr Selbstüberweisungen bei den Nutzern der NHS-Dienste mit Chatbot im Vergleich zu 6% bei den klassischen NHS-Diensten (p < 0,001).

Besonders Minderheiten profitieren von Chatbot

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich ein weiterer positiver Effekt. Minderheiten scheinen von dem Chatbot bei der Selbstüberweisung zur Gesprächstherapie besonders zu profitieren. Der Anstieg der Selbstüberweisungen war bei diesen Personengruppen deutlich höher:

  • Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität: 179%
  • Ethnische Minderheiten: 29%.

Wie KI die Selbstüberweisungsrate steigert

Die Forscher werteten das qualitative Feedback von 42.332 Teilnehmern aus, um mehr über die Gründe für die steigende Überweisungsrate bei der Nutzung des Chatbots zu erfahren. Dabei zeigte sich, dass die Interaktion mit KI den Menschen leichter fiel. Psychische Erkrankungen sind leider für viele Betroffene immer noch mit Scham behaftet, hinzu kommt die Stigmatisierung, die sich gerade bei Minderheiten oft potenziert. Ein weiterer Grund für die positiven Effekt des Chatbots auf die Rate der Selbstüberweisungen, war ein steigendes Bewusstsein der Nutzer bezüglich ihres Therapiebedarfes ausgelöst durch den Überweisungsprozess selbst.

Limitationen der Studie

Die Studie weist mehrere Limitationen auf, welche die Interpretierbarkeit der Daten einschränken. Hier sind Interessenskonflikte zu nennen, da die Autoren selbst Teil des Unternehmens sind, welches den Chatbot entwickelt hat, auch wenn dies transparent im Artikel dargestellt wird. Weiterhin lassen sich aus Beobachtungsstudien keine kausalen Schlüsse ziehen. Durch die fehlende Randomisierung kann es zu Stichprobenverzerrungen kommen. Kontrollierte klinische Studien mit Placebogruppe sind daher wünschenswert.

Positive Unterstützung der psychologischen Versorgung mithilfe von KI

Insgesamt bestätigte sich die Hypothese der Forscher. Die NHS-Dienste mit Chatbot führten zu mehr Selbstüberweisungen zur Gesprächstherapie bei Menschen mit psychischen Problemen. Minderheiten profitierten besonders davon. Die Forscher weisen darauf hin, dass es durch den Anstieg der Überweisungen nicht zu längeren Wartezeiten für die Therapie oder weniger klinischen Beurteilungen kam.

Einsatz auch in Deutschland denkbar?

Angesichts dieser positiven Ergebnisse fragt man sich, ob der Einsatz von Chatbots auch in Deutschland möglich wäre. Auch hierzulande sind Therapieplätze für eine Psychotherapie Mangelware, lange Vorlaufzeiten sind nicht selten. Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP), Universität Greifswald, kommentiert den möglichen Einsatz von Chatbots in der Gesundheitsversorgung hierzulande [2]: „Insgesamt ist die Einführung von KI-gestützten Chatbots in der deutschen Gesundheitsversorgung ein vielversprechender, aber auch komplexer Prozess, der abgesehen von Forschung eine sorgfältige Planung und Abstimmung mit den bestehenden gesundheitspolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen erfordert.“

Autor:
Stand:
29.02.2024
Quelle:
  1. Habicht et al. (2024): Closing the accessibility gap to mental health treatment with a personalized self-referral chatbot. Nature Medicine, DOI: https://doi.org/10.1038/s41591-023-02766-x
  2. Science Media Center, Research in Context, 05.02.2024; abgerufen am 14.02.2024
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