Neurologische Entwicklungsstörungen: Häufigkeit und Auswirkungen
Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) zählen zu den häufigsten neurologischen Entwicklungsstörungen. Schätzungen zufolge liegt ihre kumulative Prävalenz bei bis zu 21,5 %. Die Symptome treten meist in der frühen Kindheit auf und beeinträchtigen exekutive Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle, Planung und Problemlösung. Die Auswirkungen auf das tägliche Leben und die soziale Teilhabe sind erheblich – sowohl für die betroffenen Kinder als auch ihre Familien.
Studie aus Dänemark untersucht mütterliche Entzündungsmarker
Ein Forschungsteam der Universität Kopenhagen untersuchte im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie den Zusammenhang zwischen Entzündungswerten in der Schwangerschaft und neurologischen Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Die Studie basierte auf Daten der Copenhagen Prospective Studies on Asthma in Childhood 2010 (COPSAC2010) und umfasste 555 Mutter-Kind-Paare mit einem zehnjährigen Follow-up. Im Mittelpunkt stand die Messung von Entzündungsmarkern im mütterlichen Blutplasma in der 24. Schwangerschaftswoche.
Erhöhte Entzündungswerte mit Autismus und ADHS assoziiert
Die Auswertung ergab einen signifikanten Zusammenhang zwischen erhöhten Entzündungswerten und dem Auftreten neurologischer Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Insgesamt war ein Anstieg des Risikos um 49 % nachweisbar (Odds Ratio [OR] = 1,49). Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei ASD (OR = 2,76) und ADHS (OR = 1,57). Sechs Proteine wurden als potenzielle Risikomarker identifiziert:
- Vascular Endothelial Growth Factor A (VEGFA)
- C-C Motif Chemokine Ligand 3 (CCL3)
- CD5
- Interleukin-2B (IL-12B)
- Fibroblast Growth Factor-23 (FGF-23)
- Monocyte Chemoattractant Protein-1 (MCP-1)
Keine signifikanten Effekte auf exekutive Funktionen
Im Gegensatz zu den neurologischen Diagnosen zeigten sich bei exekutiven Funktionen – etwa Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Impulskontrolle – keine signifikanten Zusammenhänge mit den Entzündungsmarkern. Die Forschenden vermuten, dass diese kognitiven Fähigkeiten stärker von genetischen, sozialen oder umweltbedingten Faktoren beeinflusst werden als von pränatalen Entzündungsprozessen.
Aussagekraft durch Studiendesign eingeschränkt
Die Studie weist mehrere Limitationen auf: Die Entzündungswerte wurden nur zu einem Zeitpunkt in der Schwangerschaft erhoben, was mögliche zeitliche Schwankungen unberücksichtigt lässt. Die Stichprobe war zudem nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung – die Mehrheit der Teilnehmerinnen war weiß und verfügte über ein hohes Bildungsniveau. Zudem beruhen einige diagnostische Angaben auf elterlichen Berichten, die subjektiven Verzerrungen unterliegen können. Auch wurden nicht alle potenziell relevanten Entzündungsmarker erfasst.
Bedeutung für Forschung und Prävention
Frühere Studien legen bereits nahe, dass Entzündungen in der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für psychiatrische und kognitive Entwicklungsstörungen verbunden sein könnten. Die aktuellen Ergebnisse stützen diese Annahme und untermauern die Hypothese der mütterlichen Immunaktivierung (MIA). Sollte sich der kausale Zusammenhang in weiteren Studien bestätigen, könnten gezielte präventive Maßnahmen – etwa entzündungshemmende Therapien – in Erwägung gezogen werden, um das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern zu senken.










