Selbstregulation – also die Fähigkeit, eigene Emotionen zu steuern und insbesondere Wut und Frustration zu bewältigen – spielt eine zentrale Rolle für das soziale Miteinander, den schulischen und beruflichen Erfolg sowie für die psychosoziale und körperliche Gesundheit eines Menschen.
Diese Fähigkeit entwickelt sich im Laufe der Kindheit individuell unterschiedlich. Im Vorschulalter erfolgt das Erlernen der emotionale Selbstregulierung vor allem durch die Interaktion mit Eltern, Betreuungspersonen und anderen Kindern.
Zunehmende Bildschirmzeit von Kleinkindern
Im Alter von drei Jahren können die meisten Kinder mobile Bildschirmgeräte mit Touchscreen-Technologie, z. B. Smartphones oder Tablets, selbst bedienen. In den USA besitzen die meisten Kinder bereits ab einem Alter von vier Jahren ein eigenes Mobilgerät.
Während der Covid-19-Pandemie erhöhte sich die tägliche Bildschirmzeit von Kleinkindern in den USA erheblich: von fünf Minuten im Jahr 2020 auf 55 Minuten im Jahr 2022.
Kanadische Studie untersucht Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Selbstregulation
Ein internationales Team unter der Leitung der Psychologin Dr. Caroline Fitzpatrick, außerordentliche Professorin an der Universität von Sherbrooke in Kanada, hat die Auswirkungen erhöhter Bildschirmzeit von Kleinkindern am Tablet auf die Entwicklung ihrer Emotionsregulation untersucht. Gleichzeitig wurde erforscht, ob eine geringere Fähigkeit zur Selbstregulation mit einer erhöhten Nutzung von Tablets verbunden ist.
Die Wissenschaftler stellten die Hypothese auf, dass es einen bidirektionalen prospektiven Zusammenhang zwischen der Nutzung von Tablets im frühen Kindesalter und der Regulation von Emotionen wie Wut und Frustration gibt.
Befragung der Eltern in drei Altersstufen der Kinder
Die Daten wurden im Rahmen einer prospektiven Studie über die Bildschirm-Mediennutzung von Kindern und Eltern während der COVID-19-Pandemie von 2020 bis 2023 erhoben. Die Zufallsstichprobe umfasste 315 Kinder, die im Jahr 2020 dreieinhalb Jahre alt waren.
Alle Angaben zur Tabletnutzung und zu Emotionen wie Wut und Frustration der Kinder wurden von den Eltern gemacht.
Die Bildschirmzeit am Tablet wurde durch den Media Assessment Questionnaire erfasst, während die Emotionen mithilfe der Kurzfassung des Children’s Behavior Questionnaire bewertet wurden. Befragungen der Eltern fanden statt, als die Kinder jeweils dreieinhalb, viereinhalb und fünfeinhalb Jahre alt waren.
Wechselwirkungen zwischen Tabletnutzung und Selbstregulation in Studie bestätigt
Die Kinder der Stichprobe verbrachten im Alter von dreieinhalb Jahren durchschnittlich 0,92 Stunden pro Tag mit der Nutzung von Tablets, im Alter von viereinhalb Jahren 0,95 Stunden und im Alter von fünfeinhalb Jahren 1 Stunde.
Ein kreuzverzögertes Paneldatenmodell mit zufälligen Effekten zeigte, dass ein Anstieg der Tabletnutzung auf etwa 1,22 Stunden pro Tag im Alter von dreieinhalb Jahren signifikant mit einer Zunahme der Wutausbrüche des Kindes um 22 % im Alter von viereinhalb Jahren verbunden war.
Eine Zunahme der Werte auf der Wut- und Frustrationsskala bei den viereinhalbjährigen Kindern war ihrerseits signifikant mit einem Anstieg der Tabletnutzung um durchschnittlich etwa eine halbe Stunde im Alter von fünfeinhalb Jahren verbunden.
Studie zeigt Limitationen
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen nahe, dass eine zunehmende Bildschirmzeit die Entwicklung der Selbstregulation von Kleinkindern negativ beeinflussen kann. Darüber hinaus scheint eine schlechtere Regulation von Emotionen wie Wut und Frustration eine Verlängerung der Bildschirmzeit zu begünstigen. Die Studie wurde jedoch nur mit einer kleinen Zufallsstichprobe in der Ausnahmesituation der Covid-19 Pandemie durchgeführt.
Die Autoren empfehlen daher weitere Studien mit repräsentativeren Stichproben zu den potenziellen Zusammenhängen von Tabletnutzung und der Entwicklung der Selbstregulation durchzuführen. Auch die Qualität der Inhalte und die Art der Interaktion der Kinder mit den Bildschirmen sollten dabei berücksichtigt werden, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Programme die Entwicklung der Selbstregulation fördern könnten.










