DGPPN 2024: Insomnie ist nicht objektivierbar

Nach dem DSM-V ist die Insomnie durch die subjektive Unzufriedenheit mit der Schlafqualität und -quantität mindestens dreimal pro Woche über mindestens drei Monate definiert, wenn daraus eine klinische Belastung resultiert. Objektive Kriterien werden nicht gefordert.

Insomnie

Der Diskrepanz zwischen objektiver Schlafmessung und subjektiver Wahrnehmung von Schlaf und Wachheit bei Patienten mit Insomnie ging ein Forschungsteam in Genf nach. Das Projekt SLEEP-Perception sollte die Schlaf-Wach-Wahrnehmung bei 30 Patienten und 30 Kontrollpersonen charakterisieren, um die Pathomechanismen der insomnischen Störung besser zu verstehen, berichtete Carlotta Schneider von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern.

Studienaufbau 

Alle Studienteilnehmer verbrachten zunächst eine Nacht mit Polysomnographie (PSG) im Schlaflabor, um Anpassungen und Screenings vorzunehmen. In der zweiten Nacht konnten sie dann mit PSG ungestört schlafen. In der dritten Nacht im Schlaflabor wurden sie zwölf Mal aus dem Schlaf geweckt. 

Sie wurden immer geweckt, wenn sie mindestens zwei Minuten in der PSG-Aufzeichnung einen Non-REM-Schlaf aufwiesen und die Untersucher sicher davon ausgehen konnten, dass sie im Tiefschlaf waren. Nach dem Wecksignal mussten die Teilnehmer angeben, ob sie gerade geschlafen hatten oder glaubten, beim Wecksignal wach gewesen zu sein, sagte Schneider anlässlich des DGPPN-Kongresses 2024.

Keine Unterschiede in der PSG 

Patienten und Kontrollpersonen waren soziodemographisch vergleichbar, die Insomnie-Gruppe war signifikant stärker hinsichtlich subjektiver Parameter belastet. Das galt für den Insomnia Severity Index (ISI; im Mittel 11,8 vs. 3,6 Punkte; p<0,001), den Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI; im Mittel 8,3 vs. 3,1 Punkte, p<0,001) wie auch für die allgemeine gesundheitsbezogene Lebensqualität nach dem Short-Form-36-Instrument (im Mittel 65,5 vs. 77,9 Punkte, p<0,001; kleinere Werte bedeuten eine schlechtere Lebensqualität). 

Demgegenüber wies das Polysomnogramm in der zweiten Nacht keinerlei signifikante Unterschiede in Schlafzeit, Schlafeffizienz, Schlaflatenz, Wachzeiten, REM-Schlaf, Non-REM-Schlaf oder Aufwachreaktionen nach.

Wachheitsgefühl auch im Tiefschlaf 

Überraschend war die Häufigkeit, mit der Teilnehmer beider Gruppen angaben, beim Wecksignal wach gewesen zu sein, obwohl das Wecksignal nur bei Tiefschlaf erfolge. Dieser Eindruck wurde in der Kontrollgruppe bei 145 der 299 Weckungen und bei Patienten mit Insomnie bei 150 der 260 Weckungen berichtet. Auch in diesem Kriterium ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen, betonte Schneider. 

Einen Hinweis auf die Genese der Wachwahrnehmung trotz Tiefschlaf zeigte sich in der PSG: Die Wachwahrnehmung war assoziiert mit einer besonderen kortikalen Aktivität zwei Minuten vor dem Wecksignal. 

KVT gestärkt  

Patienten mit Insomnie unterscheiden sich demnach in objektiven Schlafparametern und der direkten Schlaf-Wach-Wahrnehmung nicht von Kontrollen. Der Eindruck des schlechten Schlafs könnte durch problematisches Verhalten, Kognition und Emotion (schlafbezogene Angst) entstehen, sagte Schneider. 

Die Befunde der Studie stärken daher die Empfehlung der kognitiven Verhaltenstherapie-Insomnie (KVT-I) als primäre Therapie in nationalen und internationalen Leitlinien. Die effektivsten Komponenten de KVT-I bei chronischer Insomnie sind die kognitive Therapie und die Schlafrestriktion. 

Therapieziel ist nicht die Verbesserung des objektiven Schlafs, sondern die Verbesserung der Lebensqualität und der Patientenzufriedenheit sowie das Vermeiden einer Übermedikation mit Hypnotika. Die Polysonographie ist für die Diagnose Insomnie nicht notwendig, kann aber helfen organische Schlafstörungen auszuschließen. 

Autor:
Stand:
17.12.2024
Quelle:
  1. Carlotta Schneider: „Neue Experimente zur Schlaf-Wach-Wahrnehmung“, 29. November 2024. DGPPN-Kongress 2024, Berlin, 27.-30. November 2024.
  2. Riemann D et al. (2023): The European Insomnia Guideline: An update on the diagnosis and treatment of insomnia 2023. Journal of Sleep Research. DOI: 10.1111/jsr.14035
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