Die konventionelle kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit Exposition gilt bei Zwangsstörungen als wirksam und ist gut etabliert. Viele Patienten erhalten die KVT aber nicht, unter anderem weil die Ressourcen begrenzt sind, berichtete Professorin Dr. Lena Jelinek, von der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf (UKE). Es ist seit längerem belegt, dass drei- und achtwöchige Therapien mit identischer Dosis vergleichbar effektiv sind. In Norwegen hat ein deutlich stärker verkürztes Programm zu einer regelrechten Transformation der Therapie von Zwangs- aber auch anderen psychischen Störungen geführt, wie Jelinek berichtete.
B4DT
Die Bergen-4-Tages-Behandlung (B4DT) mit einer KVT mit Exposition über vier Tage führte bei Adoleszenten zu einer signifikanten Verbesserung der Zwangssymptome und Reduktion der Belastung durch die Zwangsstörung über sechs Monate. Die Ergebnisse wurden in einer weiteren Stichprobe erfolgreich repliziert. 90 % der behandelten Adoleszenten sprachen auf die Therapie an. Die B4DT wird inzwischen in verschiedenen Ländern weltweit eingesetzt.
Übertragung des B4DT-Konzepts auf deutsche Verhältnisse
Am UKE in Hamburg wurden die Materialien der Kurzzeittherapie in Abstimmung mit dem Zentrum in Bergen für die Anwendung in Deutschland übersetzt und adaptiert. Die Therapie besteht aus Gruppen- und Einzelsitzungen. In einer eintägigen Vorbereitungsphase erfolgt Diagnostik und Information über die Behandlung, die Entscheidung für die Behandlung und die Vorbereitung auf mögliche Expositionsübungen. Diese Phase findet am UKE am Vortag der eigentlichen B4DT statt, die von Dienstag bis Freitag durchgeführt wird. Die Therapie selbst umfasst Psychoedukation, Expositionsplanung und Durchführung und die Planung der Umsetzung im Alltag. Als Nachbereitung ist nach drei Monaten eine Boostersitzung über 30 bis 45 Minuten mit dem Behandler vorgesehen.
Erste Ergebnisse aus Hamburg
Mit Stand November 2025 sind am UKE bereits mehr als 100 Patienten mit Zwangsstörung mit der B4DT behandelt worden, 58 in einer Pilotstudie, 60 im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Studie. Über Ergebnisse der Pilotstudie berichtete Jelinek anlässlich des DGPPN-Kongresses 2025 in Berlin. Die Patienten waren im Mittel 35 Jahre alt und wiesen zu 70 % eine komorbide depressive Störung auf. Der Symptomschwere lag mit einem mittleren Wert auf der Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS) von 25 vor Therapie im mittleren Bereich. Die Krankheitseinsicht gemäß Item 11 der Y-BOCS wurde als mäßig bewertet. Am häufigsten waren Wasch- und Kontrollzwänge sowie Tabu-Gedanken.
Ergebnisse der Pilotstudie
Bereits bei den ersten 33 Patienten der Pilotstudie hatte sich gezeigt, dass sich die B4DT im deutschen Gesundheitswesen implementieren lässt und Vorteile gegenüber einer historischen Kontrollgruppe bestehen. Die Auswertung einer größeren Stichprobe von 56 Patienten über ein längeres Intervall von zwölf Monaten bestätigt den guten und anhaltenden Effekt der Kompakt-KVT, berichtete Jelinek. Die Ansprechrate (mindestens 35 %ige Reduktion der Symptomschwere auf der Y-BOCS) lag bei 62,5 %. Die Remissionsrate (≤ 12 Punkt auf der Y-BOCS) betrug 46 %. Im Mittel sank der Y-BOCS-Punktwert von 25 vor B4DT auf 15 am Tag nach der B4DT. Im weiteren Verlauf blieb die Symptomschwere nach der Y-BOCS im Mittel unter 15 Punkten. 52,6 % der Patienten wiesen nach zwölf Monaten eine Remission auf.
Nicht nur Zwangsstörung verbessert
Es zeigte sich auch eine Reduktion der selbst berichteten depressiven Symptome nach dem Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) und die depressiven Symptome blieben im Verlauf erniedrigt. Das globale Funktionsniveau nach dem Global Assessment of Functioning (GAF) verbesserte sich durch die B4DT und blieb im Verlauf auf einem höheren Niveau im Vergleich zum Ausgangswert. Die günstigen Ergebnisse wurden unabhängig von der Art der Zwangsstörung beobachtet. Wichtige Wirkfaktoren waren Gruppenkohäsion und Gruppenklima.
Praktischer Vorteil der B4DT
Die zeitliche Verdichtung und der frühzeitige Beginn der Exposition nach Zustimmung zur Therapie könnten für Betroffene von Zwangsstörungen vorteilhaft sein, glaubt Jelinek. Von denjenigen, die sich im Rahmen der Pilotstudie für die B4DT entschieden hatten, brach keiner die Therapie ab. Die kürzere Behandlungsdauer könnte für Betroffene von Vorteil sein und möglicherweise geht sie auch mit weniger Stigmatisierung einher, meinte die Expertin. Noch stehen die Ergebnisse verschiedener RCT zu der kompakten Therapie aus. Wenn die günstigen Ergebnisse der B4DT bei Zwangsstörungen bestätigt werden, bleibt die Frage, wie diese Kurzzeitintervention in die Versorgung übertragen werden kann.











