Die Wartezeit für einen ersten Termin beträgt im Durchschnitt fünf Monate, bei Jugendlichen sieben Monate, berichtete Professor Dr. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Digitale Behandlungsformate – künftig möglicherweise unterstützt durch KI und Avatare – sollen Abhilfe schaffen. Allerdings liegt die Präferenz der Betroffenen und Behandelnden aktuell noch stark auf der Psychotherapie als Behandlungsmodalität.
Umfrage unter Patienten und Behandlern
Dies belegt eine von Voderholzer und Kollegen durchgeführte Umfrage unter Bevölkerung und Fachpersonal. Verwendet wurde ein Fragebogen mit 27 Fragen zu Einstellung und Präferenz bezüglich unterschiedlicher Behandlungsmethoden bei psychischen Störungen. Die Zufallsstichprobe aus der Bevölkerung umfasste 2.164 Personen, die Fachpersonal-Stichprobe 462 Personen.
Präferenz der Behandlungsmethode
Mehr als ein Drittel der Befragten aus der Allgemeinbevölkerung war bereits wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung. Unabhängig davon gaben 40 % an, eine Psychotherapie als Behandlung einer eigenen psychischen Erkrankung zu bevorzugen, weitere 40 % präferierten eine Psychotherapie in Kombination mit Psychopharmaka. Psychopharmaka alleine bevorzugten nur knapp 6 %, 13 % gaben alternativen Behandlungsmethoden den Vorzug.
Fachpersonal präferiert Psychotherapie noch stärker
Die befragten Fachpersonen gaben ebenfalls zu einem guten Drittel an, bereits einmal wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung gewesen zu sein. Ihre Präferenz für die Psychotherapie war noch viel ausgeprägter: Mehr als zwei Drittel bevorzugten im Falle einer psychischen Erkrankung eine alleinige Psychotherapie, ein gutes Viertel eine Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie. Eine alleinige Pharmakotherapie oder eine alternative Behandlungsmethode bevorzugten nur wenige. In der Subgruppe der Psychiater war der Anteil der bereits wegen psychischer Erkrankung Behandelten mit über 40 % noch höher, präferiert wurde von der Hälfte dieser Gruppe die Psychotherapie alleine, von einem Drittel die Kombination mit Pharmakotherapie. Psychopharmaka alleine nannten unter 10 % der befragten Psychiater als präferierte Behandlungsoption bei eigener psychischer Erkrankung.
Digitale Behandlungsformate stoßen auf Vorbehalte
Für eine andere, kleinere Stichproben stellte Voderholzer auch Ergebnisse zur Einstellung gegenüber digitalen Behandlungsformaten vor. Erfahrungen mit solchen Formaten gab es in der Allgemeinbevölkerungsstichprobe noch wenig. Auch in dieser Untersuchung wurde die Psychotherapie gefolgt von achtsamkeitsbasierten Verfahren am häufigsten in Betracht gezogen. Digitale Gesundheitsanwendungen konnten sich nur 16 % der Befragten vorstellen. Weniger als 10 % könnten sich eine KI-gestützte Gesprächsunterstützung oder eine Avatar-basierte Psychotherapie vorstellen. Fachpersonen hatten zu fast zwei Drittel bereits Erfahrungen mit digitalen oder technologiebasierten Behandlungsmethoden. Bei eigener Erkrankung würden fast alle eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Die Therapie mit digitalen Gesundheitsanwendungen konnte sich ein knappes Drittel vorstellen, KI- oder Avatar-gestützte Formate nur ein sehr geringer Prozentsatz der befragten Fachpersonen.
Zentrale therapeutische Eigenschaften wichtig
Beide Gruppen wurden gefragt, welche Eigenschaften sie eher dem Menschen oder einer KI zuweisen. Zentrale therapeutische Eigenschaften wie Menschlichkeit, emotionale Intelligenz, nonverbale Sensibilität, Empathie oder Vertrauenswürdigkeit erwarteten Personen aus der Bevölkerungsstichprobe ebenso wie Fachpersonal vorrangig von Menschen. Der KI wurden häufiger die Eigenschaften Objektivität, Vorurteilsfreiheit und Diversitätsbewusstsein zugeschrieben.










