Patienten mit psychischen Problemen in der Hausarztpraxis
In einer großen Umfrage der Europäischen Kommission zur psychischen Gesundheit gaben fast die Hälfte der Befragten an, dass sie in den letzten zwölf Monaten emotionale oder psychosoziale Probleme gehabt hatten. Die meisten Menschen, die erstmals unter psychischen Problemen leiden, suchen zunächst Rat bei ihrem Hausarzt.
Viele Hausärzte haben jedoch nur wenig Erfahrung in der Diagnostik und im Umgang mit psychischen Störungen. Erschwert wird die Lage durch das häufige komorbide Auftreten von psychischen Störungen zu anderen Erkrankungen. Hinzu kommt der Zeitmangel im Praxisbetrieb, der dazu führt, dass für die hausärztliche Konsultation im internationalen Durchschnitt weniger als zehn Minuten zur Verfügung stehen. Zeitsparende Screening-Instrumente, die gleichzeitig verschiedene häufige psychische Störungen erfassen, könnten die Diagnostik in der Primärversorgung unterstützen und verbessern.
Instrumente für genaues und schnelles Screening gesucht
Eine Arbeitsgruppe am Institut für Allgemeinmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München hat nun unter der Leitung der Epidemiologin PD Dr. Karoline Lukaschek eine systematische Literaturstudie durchgeführt, um Screening-Instrumente zur schnellen und dennoch genauen Diagnostik von psychischen Störungen in der Primärversorgung von Erwachsenen zu identifizieren. Sie berücksichtigten dabei sowohl Tests, die mehrere psychische Störungen gleichzeitig erfassten, als auch solche, die einen transdiagnostischen Ansatz verfolgten. Bei einem transdiagnostischen Ansatz screent der Test auf ein Spektrum stimmungs-, angst- und stressbezogener Störungen.
Für die Literaturrecherche wurden die Datenbanken MEDLINE, Embase, Cochrane Library, Psyndex und PsycINFO genutzt. Als primärer Endpunkt wurde die diagnostische Genauigkeit des Index-Tests gewählt. Sie wurde anhand von Sensitivität und Spezifität, sowie positivem und negativem prädiktivem Wert des Index-Tests zum in der jeweiligen Studie verwendeten Referenzstandard beurteilt. Als zweiter Endpunkt diente die Zeiteffizienz des Tests.
Elf Studien erfüllten die Einschlusskriterien
Die Tests, die in den elf eingeschlossenen Studien untersucht wurden, waren:
- Symptom-Driven Diagnostic System for Primary Care (SDDS-PC)
- Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS)
- Common Mental Disorder Questionnaire (CMDQ)
- My Mood Monitor (M-3)
- Multidimensional Behavioural Health Screen 1. 0 (MBHS)
- Anxiety and Depression Detector (ADD)
- Duke Anxiety-Depression Scale (DUKE-AD)
- Primary Care Evaluation of Mental Disorders (PRIME-MD)
- Mental Health Index-5 (MHI-5)
- Connected Mind Fast Check (CMFC)
- Provisional Diagnostic Instrument-4 (PDI-4)
Acht der identifizierten Index-Tests bewerteten mindestens zwei psychische Störungen getrennt. Vier dieser Tests lieferten zusätzlich und zwei ausschließlich einen Gesamtscore entlang des Spektrums der stimmungs-, angst- und stressbezogenen Störungen. Ein Index-Test verwendete eine alternative Klassifizierung psychischer Erkrankungen, indem er internalisierende, externalisierende und somatische/kognitive Störungen bewertete.
Bei den meisten der Index-Tests wurde eine ausreichende Sensitivität und Spezifität festgestellt. Alle Screening-Instrumente erwiesen sich als zeitsparend.
Deutsche Fassungen von HADS und MHI-5
Für die meisten dieser Screening-Instrumente waren deutsche Fassungen bei einer einfachen Internetrecherche nicht zu finden. Ausnahmen waren HADS, von dem eine deutsche Version beim Hogrefe Verlag kostenpflichtig erhältlich ist und MHI-5, das kostenfrei im Internet auf den Seiten des Verbandes Pro Psychotherapie e. V. abgerufen werden kann.
HADS ist ein Screening Instrument zur Erfassung von Angst und Depression bei Patienten mit körperlichen Erkrankungen oder psychogenen Körperbeschwerden. MHI-5 verfolgt einen transdiagnostischen Ansatz zur Erfassung von Stimmungs-, Angst- und Stressstörungen. Der Gesamtscore des MHI-5 ergab eine Sensitivität von 90,9 % und eine Spezifität von 57,6 % zur Erkennung einer Depression und/oder Panikstörung. Beide Tests konnten in weniger als fünf Minuten durchgeführt werden.
Diagnostische Genauigkeit ist zufriedenstellend
In dem systematischen Review wurden elf Index-Tests, die sich zum Screening auf psychische Erkrankungen in der Primärversorgung eignen, untersucht. Die meisten Screening-Instrumente boten eine zufriedenstellende diagnostische Genauigkeit und erwiesen sich als zeitsparend. Die Autoren hielten den CMFC, der als App in Englisch, Spanisch und Vietnamesisch verfügbar ist, für den vielversprechendsten Test für multiple psychische Störungen. Unter den transdiagnostischen Screening-Instrumenten erschien der MBHS den Autoren als besonders geeignet.










