Translokatorprotein als potenzieller Marker für das Suizidrisiko

Die vermehrte Bindung des Translokatorproteins im Gehirn ist bei Patienten mit schwerer Depression mit dem Auftreten akuter Suizidgedanken und negativer Affekte im Kontext von Alltagsstresssituationen assoziiert. Die Kausalität dieser Assoziationen ist nicht geklärt.

Mann fällt in ein Loch

Diathese-Stress-Modell bei Suizid

Suizid gehört zu den Hauptursachen für einen vorzeitigen Tod in den USA. Das Diathese-Stress-Modell des Suizids geht davon aus, dass das Suizidrisiko durch Wechselwirkungen verschiedener Risikofaktoren bedingt ist. Zu den Risikofaktoren gehören eine suizidale Diathese sowie Stressoren, wie beispielsweise depressive Episoden oder ungünstige äußere Bedingungen, wie z. B. Überforderung im Alltag oder Beziehungsprobleme. 

Einer der potenziellen neurobiologischen Marker für ein erhöhtes Suizidrisiko ist eine vermehrte Neuroinflammation. Das Translokatorprotein (Tryptophan-rich sensory protein [TSPO]) ist ein Transmembranprotein in der äußeren Mitochondrienmembran von Microglia, Astrocyten und Endothelzellen. Die Bindung von TSPO an Leukozyten im Gehirn gilt als Maß für die Aktivierung der Neuroinflammation. Die TSPO-Bindung wird mithilfe von Positronen-Emissions-Tomographie und Radiotracern nachgewiesen und quantifiziert.

TSPO-Bindung bei Depressionen 

Meta-Analysen haben Assoziationen von erhöhter fronto-kortikaler TSPO-Bindung mit schwerer Depression gezeigt. Etwa die Hälfte der Personen, die infolge eines Suizids verstorben sind, waren an schwerer Depression erkrankt. Diese Überschneidungen legen nahe, dass die TSPO Bindung für das Suizidrisiko in depressiven Populationen relevant sein könnte. 

Eine Studie erbrachte erste Evidenzen, dass eine erhöhte TSPO-Bindung im Gehirn mit Suizidgedanken bei Menschen mit Depressionen assoziiert sein könnte. Diese Studienergebnisse konnten jedoch nicht repliziert werden. 

Zusammenspiel von TSPO, Depression, Alltagsstress und Suizidrisiko

Wissenschaftler um Dr. Sarah Herzog, PhD, Assistant Professor am Department of Psychiatry der Columbia University in New York sind nun der Frage nachgegangen, ob eine erhöhte TSPO-Bindung im Gehirn mit einem erhöhten Suizidrisiko bei Personen mit Depression unter Stressbedingungen assoziiert ist. Hierzu haben sie die TSPO-Bindung bei Personen mit Depressionen mit oder ohne Suizidversuche verglichen. Dabei haben sie auch die Assoziationen der TSPO-Bindung mit dem Auftreten akuter Suizidgedanken und mit negativen Affekten im Kontext von Alltagsstresssituationen untersucht. Die Querschnittsstudie wurde in einem krankenhausbasierten Forschungszentrum in New York von Juni 2019 bis Juli 2023 durchgeführt.

Positronen-Emissions-Tomographie mit Radiotracer quantifiziert TSPO-Bindung

Die TSPO-Bindung wurde mit Positronen-Emissions-Tomographie-Bildgebung dargestellt und mithilfe des Radiotracers 11C-ER176 quantifiziert. Eine Untergruppe der Teilnehmer absolvierte online ein siebentägiges Ecological Momentary Assessment (EMA), in dem sie bis zu sechsmal täglich über innere und äußere Stressoren, Suizidgedanken und negative Gefühle berichteten. Die EMA ermöglicht die prospektive Messung des Auftretens von Suizidgedanken und damit zusammenhängenden Stimmungssymptomen als Reaktion auf reale Ereignisse.

Ein gewichteter Durchschnitt des 11C-ER176-Gesamtverteilungsvolumens wurde über elf Gehirnregionen berechnet und als primärer Endpunkt festgelegt. Die Suizidgedanken wurden mit der Beck-Skala für Suizidgedanken (BSS) gemessen. 

Assoziationen zwischen TSPO, Stress, negativen Affekten und Suizidgedanken

Aufgenommen wurden Personen im Alter von 18 bis 60 Jahren, die die DSM-5-Diagnosekriterien für eine aktuelle schwere depressive Störung erfüllten. Insgesamt vollendeten 53 Erwachsene im mittleren Alter von 29,5 die Studie. 

Bei ihnen war das 11C-ER176-Gesamtverteilungsvolumen mit dem Schweregrad der Suizidalität assoziiert, wenn auch nicht signifikant. Ob die Teilnehmer einen Suizidversuch in ihrer Vorgeschichte hatten, hatte auf diese Assoziation auf Trendniveau keine Auswirkungen. Explorative Analysen zeigten, dass das Vorhandensein von Suizidgedanken mit einem höheren 11C-ER176-Gesamtverteilungsvolumen verbunden war. Bei den 21 Teilnehmern, die das EMA abgeschlossen hatten, war das 11C-ER176-Gesamtverteilungsvolumen während Perioden mit Stressoren im Vergleich zu den Perioden ohne Stress mit mehr Suizidgedanken und negativen Affekten verbunden. 

Nächste Forschungsziele

In dieser Querschnittsstudie mit 53 Erwachsenen mit einer schweren depressiven Störung war eine erhöhte TSPO-Bindung mit ausgeprägteren Suizidgedanken und negativen Affekten im Zusammenhang mit realen Stressfaktoren verbunden.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine erhöhte TSPO-Bindung im Gehirn von Personen mit Depressionen ein potenzieller Indikator für die Anfälligkeit für akute stressbedingte Zunahmen von Suizidgedanken sein könnte. Weitere Studien sind erforderlich, um die Richtung der Kausalität bei der Assoziation von TSPO-Bindung mit stressbedingter Suizidgedanken oder negativer Affekte zu erkennen. So könnte man feststellen, ob eine gezielte Beeinflussung der Neuroinflammation die Stress-Resilienz von Patienten mit Depressionen verbessern kann.

Autor:
Stand:
16.01.2025
Quelle:
  1. Holmes et al. (2018): Elevated translocator protein in anterior cingulate in major depression and a role for inflammation in suicidal thinking: a positron emission tomography study. Biological Psychiatry. 83(1):61-69. DOI:10.1016/j.biopsych.2017.08.005
  2. Herzog et al. (2024): Neuroinflammation, Stress-Related Suicidal Ideation, and Negative Mood in Depression. Journal of the American Medical Association Psychiatry. DOI:10.1001/jamapsychiatry.2024.3543
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