Selbstständigkeit als Ziel
In den letzten Jahrzehnten wurde daran gearbeitet, Menschen mit Psychosen, wenn möglich, nicht weiter stationär in psychiatrischen Kliniken, sondern ambulant zu behandeln. Während einige Patienten allein oder mit Partner selbstständig in der eigenen Wohnung leben, wohnen andere bei ihrer Familie oder im betreutem Wohnen, wo sie im Alltag unterstützt werden. Viele Menschen mit Psychosen, die betreut durch Eltern oder professionelle Betreuer wohnen, wünschen sich zwar unabhängig und selbstständig zu leben, setzen diesen Wunsch jedoch nicht um.
Da eine eigene Wohnung und das selbstständige Leben wichtige Wendepunkte im Rekonvaleszenzprozess sind und die soziale Reintegration und Teilhabe der Patienten fördern, ist es wichtig zu verstehen, was die Betroffenen am Umzug hindert bzw. welche Faktoren, ihnen den Schritt in die Selbstständigkeit erleichtern könnten. Es gibt zwar Studien, die untersuchten, welche Faktoren ein selbstständiges Leben von Menschen mit Psychosen wahrscheinlicher machen, aber nur sehr wenig longitudinale Untersuchungen, die sich spezifisch mit dem Übergang in die Selbstständigkeit befassen.
Retrospektive Analyse der GROUP Studie
Ein Team niederländischer Forscher unter der Leitung von MSc Anika Poppe, einer Doktorandin an der Universität Groningen, führte eine umfassende retrospektive Datenanalyse im Rahmen der Genetic Risk and Outcome in Psychosis (GROUP) Studie durch. Ziel war es, die Faktoren zu identifizieren, die den Übergang in die Selbstständigkeit für Personen mit nicht-affektiven Psychosen erschweren oder erleichtern. An der Studie beteiligten sich 1.119 Patienten im Alter von 16 bis 50 Jahren aus den Niederlanden und Belgien, die gemäß DSM-IV mit einer nicht-affektiven Psychose diagnostiziert wurden. Im Zeitraum von 2004 bis 2013 wurden drei Erhebungen durchgeführt – bei Studienbeginn, nach drei und nach sechs Jahren. Bei jeder Beurteilung wurden die Teilnehmer detailliert zu ihrer aktuellen Wohn- und Lebenssituation befragt.
Outcomes und Prädiktoren
Um die Analyse zu vereinfachen, gruppierten die Wissenschaftler um Poppe die verschiedenen Wohnsituationen in die zwei Gruppen „Unabhängiges Leben“, wenn der Patient als Single, mit Partner oder eigener Familie wohnte oder die Gruppe „Leben mit Unterstützung“, wenn der Patient bei seinen Eltern oder im betreuten Wohnen lebte. Als Prädiktoren wurden kognitive Funktion, Symptomschwere, prämorbide Anpassung, soziodemographische Charakteristika (Geschlecht, Alter, IQ) sowie Krankheitsdauer, allgemeine Funktionen/Behinderung und soziale Unterstützung nach der Anzahl der nicht gedeckten Bedarfe bestimmt.
Frauen wagen eher den Umzug in die Selbstständigkeit
Von den 1119 Teilnehmern waren nur für 427 Patienten über alle drei Assessments komplette Datensätze verfügbar, so dass nur diese in die Analyse aufgenommen wurden. Rund 60% der Patienten, die der Gruppe „Leben mit Unterstützung“ zugeordnet worden waren, änderten ihre Lebenssituation über den gesamten Beobachtungszeitraum nicht. Die Wahrscheinlichkeit aus der unterstützten Wohnsituation in ein unabhängiges Leben zu wechseln, war bei jüngeren Patienten und Teilnehmern mit einer besseren Gesamtkognition doppelt so hoch, bei Frauen fünf- bis sechsmal höher als bei Männern und bei Patienten mit wenig milden Positivsymptomen fünfmal so hoch.
Weiterer Forschungsbedarf
Die Studie zeigt, dass die Mehrheit der Teilnehmer der GROUP-Studie aus einer unterstützten Lebenssituation dort auch verblieb und nicht in eine selbstständige Lebenssituation umzog. Am wenigsten wahrscheinlich war die Änderung der unterstützten Wohnsituation bei älteren Männern mit kognitiven Einschränkungen, speziell exekutiver Funktionen, die schwere positive Symptome aufwiesen. In ihren Schlussfolgerungen machen die Autoren folgende Vorschläge für die zukünftige Forschung:
- Die Prüfung der Effektivität von kognitiven Interventionen bei Personen, die im betreuten Wohnen oder bei ihren Eltern leben.
- Die Beachtung der Variabilität der klinischen Symptome im Zeitverlauf, wenn die Prädiktoren funktioneller Outcomes beurteilt werden sowie die Konzentration auf die Verbesserung therapeutischer Ansätze bei behandlungsresistenten Psychosen.
- Die Beachtung geschlechtsspezifischer Unterschiede.










