Bewegungstherapie bei Arthrose lindert Schmerzen meist nur gering

Bewegung gilt als zentrale Erstlinientherapie bei Arthrose. Eine große Evidenzübersicht zeigt jedoch: Die Effekte auf Schmerzen sind meist gering und kurzfristig – und häufig nicht besser als Placebo, Standardversorgung oder andere Therapien.

Älterer Herr hat Rückenschmerzen

Arthrose gehört weltweit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates und ist eine zentrale Ursache für Schmerzen, Mobilitätseinschränkungen und reduzierte Lebensqualität. Besonders häufig betroffen sind Knie-, Hüft- und Handgelenke.

Leitlinien empfehlen Bewegungstherapie seit Jahren als grundlegende nicht-medikamentöse Behandlungsoption, um Schmerzen zu reduzieren und die körperliche Funktion zu verbessern. Die tatsächliche Stärke und Dauerhaftigkeit dieser Effekte werden jedoch seit einiger Zeit zunehmend diskutiert. Eine in der Fachzeitschrift 'RMD Open' veröffentlichte Evidenzübersicht untersuchte nun systematisch, wie wirksam Bewegungstherapie bei verschiedenen Formen der Arthrose im Vergleich zu anderen Behandlungsstrategien ist.

Umbrella-Review bündelt Evidenz aus Reviews und randomisierten Studien

Die Forschungsgruppe um Tim Schleimer vom Studienbereich Physiotherapie an der Hochschule Bochum führte ein sogenanntes Umbrella-Review durch, in der vorhandene systematische Übersichtsarbeiten zur Bewegungstherapie bei Arthrose zusammengefasst wurden.

In die Analyse gingen fünf systematische Reviews mit insgesamt 8.631 Teilnehmern ein. Diese verglichen Bewegung mit Placebo, keiner Behandlung oder anderen Interventionen hinsichtlich Schmerz und körperlicher Funktion. Ergänzend werteten die Autoren 28 randomisierte kontrollierte Studien mit weiteren 4.360 Patienten aus, um Bereiche mit bislang unklarer Evidenz zu aktualisieren.

Die eingeschlossenen Studien untersuchten vor allem Knie- und Hüftgelenksarthrose, aber auch Arthrose der Hand und Sprunggelenksarthrose.

Nur geringe kurzfristige Schmerzreduktion bei Kniearthrose

Für Kniegelenksarthrose ergab die gepoolte Analyse nur einen kleinen kurzfristigen Effekt der Bewegungstherapie auf Schmerzen im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung. Gegenüber Placebo lag die mittlere Differenz bei -10,8 Punkten (95 %-Konfidenzintervall [KI] -19,1 bis -2,6). Im Vergleich zu keiner Behandlung betrug die Differenz -12,4 Punkte (95 %-KI -15,6 bis -9,2).

Die Sicherheit dieser Evidenz wird jedoch als sehr niedrig bewertet. Zudem waren die Effekte in größeren Studien und bei längerer Nachbeobachtungszeit geringer ausgeprägt. Damit ordnen die Autoren den Nutzen bei Kniearthrose insgesamt als klein und kurzzeitig ein.

Unterschiedliche Effekte bei Hüft-, Hand- und Sprunggelenksarthrose

Für Hüftgelenksarthrose zeigte die Analyse nur minimale Effekte der Bewegungstherapie. Die mittlere Differenz betrug -6,7 Punkte (95 %-KI -9,3 bis -4,0), bei moderater Evidenzsicherheit.

Bei Handarthrose fanden sich geringe, kurzfristige Effekte mit einer mittleren Differenz von -10,0 Punkten (95 %-KI -15,5 bis -4,5), jedoch keine relevanten Funktionsverbesserungen. Für Sprunggelenksarthrose lagen nur wenige Daten vor.

Bewegung schneidet ähnlich ab wie andere konservative Behandlungen

Die Auswertung zeigte außerdem, dass Bewegungstherapie hinsichtlich Schmerz- und Funktionsverbesserung häufig ähnliche Ergebnisse erzielte wie andere konservative Behandlungen. Dazu gehörten Patientenschulung, manuelle Therapie, Analgetika sowie intraartikuläre Injektionen mit Kortikosteroiden oder Hyaluronsäure. Auch arthroskopische Eingriffe am Knie zeigten in den ausgewerteten Studien vergleichbare Resultate, wobei die Evidenzsicherheit variierte. Chirurgische

Verfahren in einzelnen Studien überlegen

In einzelnen randomisierten Studien bei ausgewählten Patientengruppen waren operative Verfahren der Bewegungstherapie überlegen. So zeigte eine Studie bei medialer Kniegelenksarthrose größere Effekte für eine Umstellungsosteotomie. In anderen Studien erreichten Gelenkersatzoperationen langfristig stärkere Verbesserungen als Bewegung allein. Für Kniegelenkersatz betrug die mittlere Differenz 17,1 Punkte (95 %-KI 10,4 bis 23,8), für Hüftgelenkersatz 24,2 Punkte (95 %-KI 18,2 bis 30,2).

Evidenzlage bleibt uneinheitlich und begrenzt

Insgesamt deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass Bewegung über verschiedene Arthroseformen hinweg nur begrenzte Auswirkungen auf Schmerz und körperliche Funktion hat. Die Autoren schreiben: „Unsere Ergebnisse stellen die bisherige uneingeschränkte Empfehlung als Erstlinientherapie infrage. Sie unterstreichen, dass Forschungsprioritäten möglicherweise überdacht und die Sinnhaftigkeit von Bewegungstherapie bei Arthrose neu bewertet werden muss.“

Gleichzeitig weisen sie auf mehrere Einschränkungen der vorhandenen Evidenz hin. Viele Studien unterschieden sich hinsichtlich Patientenselektion, Krankheitsstadium und Begleittherapien. Zudem fehlten häufig direkte Vergleiche zwischen verschiedenen Behandlungsstrategien. Vor diesem Hintergrund sehen die Autoren weiterhin Forschungsbedarf, insbesondere zu langfristigen Effekten der Bewegungstherapie und zu direkten Vergleichen mit anderen Behandlungsoptionen.

Autor:
Stand:
01.04.2026
Quelle:

[1] Schleimer, T. et al. (2026): Effectiveness of exercise therapy for osteoarthritis: an overview of systematic reviews and randomised controlled trials. RMD Open, DOI: 10.1136/rmdopen-2025-006275.

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