Neue Biomarker zur Diagnostik des seronegativen Sjögren-Syndroms

Aufgrund der schwierigen Diagnose des Sjögren-Syndroms stellt die Identifizierung neuer Biomarker für seronegative Patienten einen wichtigen Schritt dar. In einer neuen Studie wurden spezifische Autoantikörper identifiziert, die eine präzisere Diagnose ermöglichen könnten.

Forschung vials

Das Sjögren-Syndrom (SS) ist eine chronische Autoimmunerkrankung, welche primär die exokrinen Drüsen betrifft und dadurch zu den charakteristischen Symptomen Mundtrockenheit (Xerostomie) und Augentrockenheit (Xerophthalmie) führt. Obwohl die meisten Patienten überwiegend über exokrine Symptome berichten, manifestiert sich die Erkrankung bei mehr als 40% auch extraglandulär. Diese systemische Beteiligung macht die Erkrankung besonders komplex und erfordert eine sorgfältige Diagnostik.

Schwierige Diagnostik des Sjögren-Syndroms

Eine Herausforderung bei der Diagnose des Sjögren-Syndroms besteht darin, dass Trockenheit, das Leitsymptom der Erkrankung, mit einer Prävalenz von bis zu 65% auch in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet ist. Die Prävalenz des Sjögren-Syndroms liegt jedoch unter 1%, was die Abgrenzung zu anderen Differentialdiagnosen erschwert, aber notwendig macht.

Diagnostische Kriterien und die Bedeutung der SSA-Antikörper

Die Diagnose des Sjögren-Syndroms wird zusätzlich zu den klinischen Symptomen durch einen positiven SSA-Antikörpertest (Sjögren-Syndrome-related Antigen A Autoantibodies) gestellt. Allerdings ist etwa ein Drittel der Patienten seronegativ, was in diesen Fällen die Notwendigkeit einer labialen Speicheldrüsenbiopsie nach sich zieht. Die Erkrankung ist durch ein fokales lymphozytäres Infiltrat der Speicheldrüsen gekennzeichnet, das mithilfe des Fokus-Scores (FS) bewertet wird. Ein FS von ≥1 gilt als diagnostisch relevant und sichert die Diagnose.

Die Rolle der Biopsie und der Bedarf an neuen Biomarkern

Biopsien sind nicht nur invasiv, sondern erfordern auch die Expertise mehrerer Fachärzte bei der Durchführung und Interpretation der Ergebnisse. Erschwerend kommt eine hohe Interrater-Variabilität hinzu. Darüber hinaus besteht ein geringes, aber relevantes Risiko eines bleibenden Taubheitsgefühls an der Biopsiestelle, was bei einigen Patienten zu Vorbehalten gegenüber dem Eingriff führt.

Zur Bewältigung der diagnostischen Herausforderungen des seronegativen Sjögren-Syndroms werden dringend neue Biomarker mit hoher Sensitivität und Spezifität zur nicht-invasiven Diagnostik benötigt.

Identifizierung neuer Autoantikörper bei seronegativen Sjögren-Patienten

Ziel einer US-amerikanischen Studie war es, neue Autoantikörper zu identifizieren. Dazu wurden Immunglobulin G (IgG)-Bindungen mithilfe eines Peptidom-Arrays analysiert.

Die Studie umfasste 76 seronegative SS-Patienten, 75 Kontrollpersonen ohne Autoimmunität und 41 Personen mit SS-ähnlichen Symptomen, die jedoch nicht die Kriterien für eine SS-Diagnose erfüllten.

Insgesamt wurden über 5,3 Millionen Peptide untersucht. Dabei konnten 469 Peptide identifiziert werden, die in seronegativen Patientenproben stärker und 431, die schwächer gebunden waren als in den Kontrollproben. Besonders relevant waren Peptidmotive, die mit Proteinen wie dem heterogenen nukleären Ribonukleoprotein und dem Ankerprotein der A-Kinase assoziiert sind.

Validierung der Autoantikörper

Zwei Schlüsselmoleküle stachen besonders hervor: die D-Aminoacyl-tRNA-Deacylase 2 (DTD2) und der Retroelementsilencing-Faktor 1 (RESF1). Ihre Peptide wurden von Antikörpern in seronegativen Sjögren-Patientenproben deutlich stärker gebunden als in den Kontrollproben. Diese Ergebnisse wurden durch ELISA-Tests bestätigt, die zeigten, dass Antikörper gegen diese Peptide bei seronegativen Patienten signifikant häufiger vorkommen.

Modellbasierte Vorhersagen für präzisere Diagnosen

Die Forscher entwickelten ein Prognosemodell, das klinische Variablen mit der Bindung der identifizierten Peptide kombiniert. 

Dieses Modell konnte seronegative Patienten zuverlässig von Kontrollpersonen unterscheiden. Besonders die Kombination der Antikörperbindung an DTD2 mit klinischen Parametern wie nicht-stimuliertem Speichelfluss und dem Vorhandensein von antinukleären Antikörpern (ANA) führte zu präzisen Vorhersagen, die potenziell invasive Biopsien überflüssig machen könnten.

Ein weiteres Modell zur Vorhersage positiver oder negativer Biopsieergebnisse zeigte, dass eine hohe Antikörperbindung an DTD2 mit bestimmten klinischen Merkmalen die Wahrscheinlichkeit für ein positives Biopsieergebnis signifikant erhöht. Auch dieses Modell könnte in Zukunft die Notwendigkeit für Biopsien weiter reduzieren.

Perspektiven in der Diagnostik des Sjögren-Syndroms

Die Ergebnisse dieser Studie eröffnen neue Möglichkeiten zur Verbesserung der Diagnostik des seronegativen Sjögren-Syndroms. Die Entdeckung von Autoantikörpern gegen DTD2 und RESF1 könnte die Abhängigkeit von invasiven Verfahren wie Biopsien verringern und die diagnostische Genauigkeit erhöhen. Diese neuen Erkenntnisse haben das Potenzial, die Diagnosestellung und das Management des Sjögren-Syndroms grundlegend zu verbessern, insbesondere bei seronegativen Patienten, die bisher auf invasive Eingriffe angewiesen waren.

Autor:
Stand:
23.09.2024
Quelle:

Parker et al. (2024): Novel autoantibodies help diagnose anti-SSA antibody negative Sjögren disease and predict abnormal labial salivary gland pathology. Annals of the Rheumatic Diseases, DOI: 10.1136/ard-2023-224936

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