Die Rolle der Pain Matrix in der zentralen Schmerzverarbeitung

Fibromyalgie geht mit chronischen Schmerzen und veränderter Schmerzverarbeitung im Gehirn einher. Eine neue Meta-Analyse funktioneller MRT-Studien untersucht zentrale Unterschiede zu Gesunden und liefert wichtige Erkenntnisse für Diagnostik und Therapieansätze.

Fibromyalgie

Schmerz wird im Gehirn über ein komplexes Netzwerk verarbeitet, das als „Pain Matrix“ bezeichnet wird. Dieses umfasst zentrale Strukturen wie den Thalamus, somatosensorische Kortexareale, die Insula, den anterioren cingulären Kortex (ACC) sowie das periaquäduktale Grau. Auch präfrontale Areale wie der mediale präfrontale Kortex (mPFC) und der dorsolaterale präfrontale Kortex (dlPFC) sowie Striatum und Amygdala sind beteiligt. Diese Strukturen sind nicht nur bei realen Schmerzreizen aktiv, sondern auch bei der bloßen Erwartung von Schmerz.

Fibromyalgie: Chronischer Schmerz durch zentrale Sensitivierung

Fibromyalgie (FM) ist ein chronisches Schmerzsyndrom mit weit verbreiteten Schmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung und kognitiven Einschränkungen. Im Zentrum steht eine zentrale Sensitivierung – eine Überempfindlichkeit der Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem. Typisch sind Allodynie und Hyperalgesie, also gesteigerte Schmerzreaktionen auf normalerweise harmlose Reize. Das Schmerzkatastrophisieren – also eine übermäßige negative Bewertung von Schmerz – verstärkt die Symptomatik zusätzlich.

Meta-Analyse: Veränderungen im Schmerznetzwerk bei Fibromyalgie

Eine Meta-Analyse von 21 funktionellen MRT-Studien mit 959 Teilnehmenden (539 FM, 420 gesunde Kontrollen) untersuchte Unterschiede in der zentralen Schmerzverarbeitung. FM-Patienten zeigten dabei eine verstärkte Aktivierung der rechten Insula, des dorsalen ACC (dACC) und der supplementär-motorischen Areale (SMA) bei Schmerzreizen. Im Gegensatz dazu zeigten gesunde Kontrollpersonen (HCs) stärkere Aktivierungen in präfrontalen Arealen wie mPFC und dlPFC, die mit kognitiver Schmerzverarbeitung assoziiert sind. Beide Gruppen aktivierten zudem den Thalamus und Basalganglien – zentrale Areale der sensorisch-affektiven Schmerzverarbeitung.

Neuronale Schmerzsignatur bei FM: Intensiver, emotionaler, körpernäher

Die rechte Insula zeigte sich in FM-spezifischen Analysen als besonders relevant – ein Hinweis auf eine stärkere interozeptive, körperlich-emotionale Verarbeitung von Schmerz. Die erhöhte SMA-Aktivität könnte eine gesteigerte motorische Reaktionsbereitschaft widerspiegeln und Vermeidungsverhalten fördern. Die Hyperaktivierung des dACC lässt sich als neuronales Korrelat von Hyperalgesie und Schmerzkatastrophisieren interpretieren. Insgesamt erlebt die FM-Population Schmerzen intensiver, länger andauernd und emotional belastender – selbst bei identischer Reizstärke wie bei HCs.

Neue Ansätze für Diagnostik und Therapie

Die Ergebnisse legen nahe, dass FM nicht allein auf sensorischer Ebene gestört ist, sondern auch affektive und kognitive Dimensionen der Schmerzverarbeitung betroffen sind. Ein theoretisches Modell schlägt vor, dass Schmerzen bei FM weniger kognitiv kontrolliert und stärker körperlich-emotional verarbeitet werden. Dieses Verständnis könnte helfen, gezielte therapeutische Ansätze zu entwickeln, etwa durch Schulung kognitiver Strategien oder den Abbau von Katastrophisieren. Weitere Studien sollten die Verbindung zwischen neuronalen Aktivierungsmustern und psychologischen Prozessen untersuchen, um die Erkrankung besser zu verstehen und gezielter zu behandeln.

Autor:
Stand:
11.08.2025
Quelle:

Cavicchioli et al. (2025): An ALE meta-analysis of pain processing alterations in fibromyalgia: Toward an evidence-based process model. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, DOI: 10.1016/j.neubiorev.2025.106303.

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