„Künstlicher Knorpel“ ermöglicht gezielte Wirkstofffreisetzung bei Arthritis

Forscher der University of Cambridge haben ein intelligentes Knorpelmaterial entwickelt, das bei Arthritis-assoziierten pH-Änderungen gezielt entzündungshemmende Wirkstoffe freisetzt, wo sie benötigt werden.

Knorpelschaden

Arthritis zählt zu den häufigsten chronisch-entzündlichen Erkrankungen. Schätzungen zufolge sind weltweit mehr als 600 Millionen Menschen betroffen, davon mehr als zehn Millionen allein im Vereinigten Königreich. Die Erkrankung führt nicht nur zu Schmerzen und Funktionseinschränkungen, sondern auch zu erheblichen Belastungen für die Volkswirtschaft. Trotz zahlreicher Therapieoptionen bleibt die langfristige Wirksamkeit häufig begrenzt, da systemische Anwendungen mit Nebenwirkungen verbunden sind und wiederholte Applikationen erfordern.

Cambridge-Forschende konstruieren intelligentes Knorpelmaterial

Vor diesem Hintergrund entwickelten Wissenschaftler der University of Cambridge ein intelligentes Knorpelmaterial, das auf pH-Veränderungen reagiert und eine lokal gesteuerte Wirkstofffreisetzung ermöglicht. Die Studie wurde im 'Journal of the American Chemical Society (JACS)' veröffentlicht. Das zentrale Ziel war die Entwicklung eines Polymernetzwerks, das mechanisch und funktionell auf pH-Veränderungen im physiologisch relevanten Bereich von 4,5 bis 7,5 reagiert.

Reversible Vernetzungen ermöglichen pH-abhängige Abgabe

Die Arbeitsgruppe integrierte speziell entwickelte reversible Vernetzungen in ein Polymernetzwerk. Diese supramolekularen Querverbindungen reagieren empfindlich auf pH-Schwankungen, sodass das Material mit zunehmender Azidität weicher und gelartiger wird und die in seiner Struktur eingeschlossenen Wirkstoffe freisetzt. Das Polymernetzwerk kann mit entzündungshemmenden Substanzen beladen werden. Die pH-abhängige Abgabe wurde im Labor mit Modellsubstanzen, darunter einem Fluoreszenzfarbstoff, geprüft.

Polymer reagiert auf körpereigene Signale

Die Untersuchungen ergaben, dass das Polymer bei pH-Werten, wie sie in entzündeten Gelenken auftreten, deutlich mehr Wirkstoff freisetzte als unter neutralen Bedingungen. Gleichzeitig zeigte es ausgeprägte, reversible Veränderungen seiner mechanischen Eigenschaften. Damit wurde nachgewiesen, dass die Arzneistoffabgabe direkt an die lokale Azidose gekoppelt ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Wirkstoffträgersystemen, die externe Auslöser wie Hitze oder Licht erfordern, reagiert dieses Material ausschließlich auf körpereigene chemische Veränderungen.

Intelligentes Knorpelmaterial eröffnet neue Behandlungsperspektiven

Die mechanischen Eigenschaften des Materials ähneln denen des Knorpelgewebes. „Die Kombination mit einer hochpräzisen Arzneistofffreisetzung ist eine wirklich spannende Perspektive“, erklärte Professor Oren Scherman, Leiter der Arbeitsgruppe und Direktor des Melville Laboratory for Polymer Synthesis. Durch diese Doppelfunktion eignet sich das Polymernetzwerk auch als intelligentes Knorpelmaterial. Erstautor Dr. Stephen O’Neill hebt hervor: „Diese Materialien können ‚spüren‘, wenn im Körper etwas nicht stimmt, und reagieren, indem sie die Behandlung genau dort bereitstellen, wo sie gebraucht wird. Dies könnte die Notwendigkeit wiederholter Medikamentengaben verringern und die Lebensqualität der Patienten verbessern.“

Die Cambridge Enterprise arbeitet mit dem Forschungsteam an der Weiterentwicklung der Plattformtechnologie. Ziel ist es, die Anwendbarkeit zunächst im Bereich Arthritis zu prüfen und langfristig auch weitere Indikationen zu erschließen.

Autor:
Stand:
22.09.2025
Quelle:
  1. O’Neill, S. J. K. et al. (2025): Kinetic Locking of pH-Sensitive Complexes for Mechanically Responsive Polymer Networks. Journal of the American Chemical Society, DOI: 10.1021/jacs.5c09897.
  2. University of Cambridge Enterprise, Mitteilung, 11. September 2025.
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