Hintergrund
Laut einer Pressemitteilung der Europäischen Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (European Society of Human Reproduction and Embryology [ESHRE]) kann Covid-19 die Anzahl der Spermien verringern und ihre Beweglichkeit für einen Zeitraum von mindestens drei Monaten beeinträchtigen [1]. Eine verminderte Spermienqualität war selbst bei Männern feststellbar, die nicht ernsthaft erkrankt waren. Diese Ergebnisse wurden auf der 39. Jahrestagung der ESHRE in Kopenhagen, Dänemark, vorgestellt [1,2].
Analyse von Spermienproben vor und nach Covid-19
Dr. Rocio Núñez-Calonge, Reproduktionsexpertin in Spanien, und KollegInnen beobachteten eine nachlassende Spermienqualität nach SARS-CoV-2-Infektionen bei Männern, die spanische Kliniken zur assistierten Reproduktion aufsuchten. Das wollten sie näher untersuchen. Die Forschenden analysierten zwischen Februar 2020 und Oktober 2022 Samenproben von 45 Männern (Durchschnittsalter 31 Jahre) vor und nach einer Covid-19-Erkrankung.
Die Samenproben wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Ejakulate, die innerhalb von 100 Tagen nach der Infektion genommen wurden und solche nach mehr als 100 Tagen postinfektiös.
Spermienqualität vor und nach Covid-19
Im Vergleich zu den Samenproben vor der Coronainfektion verschlechterte sich die Spermienqualität nach einer Covid-19-Erkrankung signifikant. Konkret stellten die Forschenden folgende Unterschiede fest:
- Reduktion des Samenvolumens um 20% (von 2,5 auf 2ml)
- Verminderung der Spermienkonzentration um 26,5% (von 68 auf 50 Millionen pro ml Ejakulat)
- Rückgang der Spermienzahl um 37,5% (von 160 auf 100 Millionen pro Milliliter)
- Abnahme der Gesamtmotilität um 9,1% (von 49 auf 45%)
- Verringerung der Anzahl lebender Spermien um 5% (von 80 % auf 76 %)
Die Motilität und Gesamtzahl der Spermien waren am stärksten beeinträchtigt. Bei der Hälfte der Männer sank die Gesamtspermienzahl nach der Covid-19-Erkrankung im Vergleich zu den Proben vor der SARS-CoV-2-Infektion um 57%. Die Morphologie der Spermien wurde nicht wesentlich beeinflusst.
Nachhaltige Veränderungen über drei Monate hinaus
Frühere Studien hätten bereits gezeigt, dass die Samenqualität nach einer Coronainfektion kurzfristig beeinträchtigt sein kann, sagte Núñez-Calonge. In ihrer Studie hielten die Effekte aber über 78 Tage hinaus an – und damit länger als die übliche Zeit, die der Körper benötigt, um neue Spermien zu produzieren.
„Wir gingen davon aus, dass sich die Samenqualität verbessern würde, sobald neue Spermien erzeugt würden, aber das war nicht der Fall“, erklärte die Reproduktionsmedizinerin. Zusätzlich betonte sie: „Wir wissen nicht, wie lange es dauern könnte, bis die Samenqualität wiederhergestellt ist, und es kann sein, dass Covid-19 dauerhafte Schäden verursacht hat – selbst bei Männern, die nur eine leichte Infektion erlitten haben.“
Samenqualität noch innerhalb normaler Grenzen
Prof. Carlos Calhaz-Jorge, Vorsitzender des ESHRE, Lissabon (Portugal) war nicht an dieser Forschung beteiligt, äußerte aber folgendes:
„Dies ist eine interessante Forschung von Prof. Núñez-Calonge und ihren Kollegen und zeigt, wie wichtig eine langfristige Nachsorge von Fruchtbarkeitspatienten nach einer COVID-Infektion ist, auch wenn es sich um eine leichte Infektion handelt.“
Es sei jedoch wichtig zu beachten, dass die Parameter dieser Männer nach einer SARS-CoV-2-Infektion immer noch innerhalb der Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für „normale“ Samen und Spermien liegen. Von daher sei es unklar, ob die verminderte Samenqualität nach einer Covid-19-Erkrankung auch zu einer Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit führt – dies sollte Gegenstand weiterer Forschung sein, so Calhaz-Jorge.










