Das Prostatakarzinom zählt zu den häufigsten malignen Erkrankungen des Mannes. In Deutschland stellen sich jährlich mehrere zehntausend Patienten zur Abklärung erhöhter PSA-Werte oder auffälliger Befunde vor. Seit 2021 empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie Prostatakarzinom den Einsatz der multiparametrischen Magnetresonanztomografie (mpMRT) in der Primärdiagnostik sowie die Kombination aus gezielter und systematischer Prostatabiopsie. Ziel ist eine höhere Detektionsrate klinisch relevanter Karzinome bei gleichzeitiger Reduktion von Überdiagnosen. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) in Hamburg rückte die Umsetzung der Leitlinienempfehlungen in den Mittelpunkt.
Bedeutung der Biopsiemethoden im klinischen Alltag
Die transperineale Biopsie gilt aufgrund ihres vorteilhaften Nebenwirkungsprofils zunehmend als Standard. Sie reduziert das Risiko septischer Komplikationen im Vergleich zur transrektalen Biopsie, die traditionell mit antibiotischer Prophylaxe durchgeführt wird. Leitlinien und Studien belegen, dass die Kombination aus gezielter mpMRT-gestützter und systematischer Biopsie die diagnostische Sicherheit erheblich verbessert.
Ergebnisse der bundesweiten Umfrage unter Urologen
Eine bundesweite Befragung von 427 Urologen zeigt deutliche Diskrepanzen zwischen Leitlinienempfehlungen und klinischer Praxis.
- 73 % der Teilnehmenden arbeiten im ambulanten Bereich.
- 84,5 % führen Biopsien eigenständig durch, wobei 59 % weiterhin primär transrektal vorgehen.
- Die transrektale Biopsie erfolgt überwiegend in Lokalanästhesie (52 %), die transperineale häufiger in Narkose (15 %).
Bildgebende Verfahren sind flächendeckend etabliert: 99 % nutzen transrektalen Ultraschall, 58 % zusätzlich mpMRT. Dabei setzen 55 % auf kognitive und 35 % auf softwaregestützte Fusionsverfahren. Dennoch führen lediglich 28 % der Befragten eine mpMRT routinemäßig vor der Erstbiopsie durch.
Verfügbarkeit und Kosten als entscheidende Hürden
Auffällig ist, dass die mpMRT in 99 % der Fälle regional verfügbar ist. Die geringe Anwendung vor Erstbiopsien ist daher weniger auf strukturelle Defizite als vielmehr auf ökonomische Faktoren zurückzuführen. Für gesetzlich Versicherte stellt die mpMRT in der Regel eine Selbstzahlerleistung dar, was die Umsetzung der Leitlinie erheblich erschwert.
Klinische und gesundheitspolitische Implikationen
Die Daten verdeutlichen eine erhebliche Diskrepanz zwischen Leitlinienempfehlung und Versorgungspraxis. Obwohl die mpMRT diagnostische Vorteile bietet, bleibt ihre Anwendung in der Primärdiagnostik begrenzt. Für die klinische Praxis ergibt sich die Notwendigkeit, Patienten individuell über Nutzen und Limitationen aufzuklären. Aus gesundheitspolitischer Sicht besteht dringender Handlungsbedarf: Eine flächendeckende Etablierung der evidenzbasierten Diagnostik erfordert die regelhafte Kostenübernahme durch die Krankenkassen.









